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Mit Tatkraft gegen den »Stillstand«

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In der Neuaufstellung seiner monumentalen Installation »Stillstand« auf seinem Grundstück in Unterwössen sieht der Künstler Andreas Kuhnlein eine zeitgemäße Antwort auf die aktuelle Corona-Krise. (Foto: Effner)

Wie zwei Mahnmale ragen die riesige Spitzhacke und die monumentale Schaufel auf dem Lindenbichl in den Himmel. Das blank polierte Aluminium der über neun Meter hohen Installation zeugt von intensivster Bearbeitung und steht gleichzeitig als Sinnbild für den »Stillstand«.


Angesichts des allgegenwärtigen »Lockdowns« der vergangenen Wochen hat der Bildhauer Andreas Kuhnlein damit der Zeitenwende durch die Corona-Krise auf seinem Grundstück in Unterwössen ein künstlerisches Monument gesetzt. Ein mittels Drohne aus der Luft aufgenommenes Youtube-Video zeigt Kuhnlein zusammen mit befreundeten Handwerkern bei der schweißtreibenden Aufstellung des Werks.

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Zwei geplante Vorträge mit dem gefragten Künstler in Burghausen und auf der Spurwechselkonferenz in Miesbach wurden ebenso abgesagt wie die Eröffnung von zwei Ausstellungen nahe Ulm und in Nußdorf am Inn. »Dass viele Termine im zum Teil dichtgetakteten Terminkalender ausfallen, keine Besucher auf unseren Hof kommen und ich auf einmal sehr viel freie Zeit zum intensiven Nachdenken habe, ist eine ganz neue Erfahrung für mich«, sagt der Unterwössener. Mit sieben Ausstellungen allein in diesem Jahr – darunter auch im Schloss Bruchsaal (ab 19. Juni) und im Europäischen Künstlerhaus Schafhof in Freising (ab 3. Oktober) – hat sich der 66-Jährige ein sportliches Programm vorgenommen.

Die Reduzierung allen Lebens und der allerorten spürbare Krisenmodus brachte Kuhnlein auch auf die Idee, der bereits 1999 geschaffenen Installation »Stillstand« zu neuer Ehre zu verhelfen. Sie entstand seinerzeit als Mahnmal auf dem lange Zeit brachliegen-den und immer mehr verwahrlosenden Stumbeck-Grundstück in der Ortsmitte von Unterwössen. Mit der Eröffnung des neuen Edeka-markts 2014 hatte der Stillstand dort ein Ende.

»Seitdem lagen die beiden Riesentrümmer mehr oder weniger unbeachtet bei mir auf dem Grundstück«, erinnert sich Andreas Kuhnlein. In schweißtreibender Arbeit hat der Künstler das Aluminium in der Werkstatt eines Bootsbauers neu aufpoliert und dem Werk jetzt zu neuer Geltung verholfen. »Es geht darum, trotz des Stillstands wieder die Tatkraft zum Anpacken und Bewältigen dieser Situation zu entwickeln«, betont der Künstler.

»Das unsichtbare Virus zeigt uns deutlich und weltweit sichtbar unsere Begrenzungen und die Begrenztheit unserer Möglichkeiten auf in einer Welt, in der bis vor kurzem alles möglich und machbar erschien.« Die vielen unterschiedlichen Formen des »Menschseins« sowie die Verwerfungen und dunklen Ecken der menschlichen Existenz, die Folgen der Globalisierung und Betrachtungen zu Mythos und Religion sind bereits seit Jahrzehnten Kernthemen von Kuhnleins Werk.

Sie ließen ihn stets aufs Neue die Motorsäge anschmeißen, um in fast berserkerhaften Kraftakten aus riesigen Baumstämmen sensible und fragile Figuren, Sinnbilder und vielteilige Installationen herauszuschneiden. Ein wahres Heer seiner »Zerklüfteten« berührt nach mehr als zweihundert Einzel- und Gruppenausstellungen in 15 Ländern auf subtile Weise Herzen und Geist der Betrachter. Die Figuren sind weltweit in Museen, Sammlungen und an geschichtsträchtigen Orten zu sehen.

Andreas Kuhnlein erinnert sich an tiefgehende Begegnungen und Gespräche in der Psychiatrie und im Gefängnis, bei Symposien, in Klöstern oder an historisch aufgeladenen Orten wie dem Bendlerblock in Berlin. Die künstlerische Gestaltung großer Ausstellungen des Europarats über »Otto den Großen« 2001 sowie das »Heilige Römische Reich Deutscher Nation« und die Landesausstellung zu »200 Jahre Franken in Bayern« (beide 2006) zeugen von seinem Sinn für Geschichte. Mit seiner 133-teiligen Interpretation der spätmittelalterlichen Moralsatire des »Narrenschiffs« hielt er 2010 in der Traunsteiner Klosterkirche dem Zeitgeist den Spiegel vor. Weitere Meilensteine waren seine Sicht auf die »Zerklüftete Antike« in der Münchner Glyptothek 2016 und die viel beachtete Ausstellung »MenschSein« 2017 in der Städtischen Galerie Rosenheim.

Der aktuelle Katalog »Skulpturen 1985 – 2020« zeichnet die Entwicklung von Andreas Kuhnleins künstlerischem Werdegang und die Höhepunkte seines Kunstschaffens in mehr als drei Jahrzehnten detailliert nach. Axel Effner