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Monumental: Bill Fays «Comeback» nach 40 Jahren

Berlin (dpa) - Von einem klassischen Comeback kann beim meisterhaften ersten Studioalbum von Bill Fay seit rund 40 Jahren kaum die Rede sein. Denn zurückkommen kann nur, wer überhaupt schon mal da war, sagt der britische Songwriter, Sänger und Pianist selbst.

Bill Fay
Aus der Versenkung aufgetaucht: Bill Fay. Foto: Steve Gullick Foto: dpa

Und Bill Fay war eigentlich nie wirklich da. Nicht mal zum Kultstar reichte es, denn auch nach zwei genialen Werken der frühen 70er Jahre war er nur absoluten Insidern bekannt. Das mit Nick Drake, Leonard Cohen oder Scott Walker vergleichbare selbstbetitelte Debüt (1970), der wild-ekstatische Nachfolger «Time Of The Last Persecution» (1971) - das waren hoch ambitionierte, mutig arrangierte, traumhaft schöne Songs zwischen orchestralem Pop, Folk, Rock und Jazz, die aber unverständlicherweise floppten.

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Im Interview des deutschen «Rolling Stone» führte Fay den Misserfolg achselzuckend auf das Überangebot an großartigen Pop-Künstlern zu jener Zeit zurück. Und er räumte im Rückblick ein: «Ich machte mir Sorgen, diese Musik könnte für den Hörer zu heavy sein.» Dennoch traf ihn damals die Kündigung seines Plattenvertrages vor der Vollendung eines dritten Albums (das erst 2007 nachgereichte «Tomorrow, Tomorrow And Tomorrow») hart.

Frustriert zog sich Fay aus dem Musikbusiness zurück, schrieb aber nach wie vor fleißig Songs. Dass er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug, im Sparmodus irgendwie weiterlebte und seinen verspäteten Ruhm jetzt noch genießen kann - das unterscheidet ihn vom ähnlich veranlagten, ähnlich unter Wert geschlagenen Nick Drake.

«Ich kann mich an keinen Musiker erinnern, dessen Alben mir jemals mehr bedeutet hätten», sagt Jeff Tweedy, Frontmann der großen US-Band Wilco, heute über Bill Fay. Tweedy gehört zu einer Handvoll bekannter Rockmusiker, die den Verschollenen vor einigen Jahren wieder ins Spiel brachten.

Der Amerikaner coverte Fays Mutmacher-Ballade «Be Not So Fearful» und holte den betagten, struppigen Mann erstmals 2007 in London zu sich auf die Bühne. Die inzwischen auf CD erhältlichen alten Fay-Alben und Demo-Zusammenstellungen wurden daraufhin in Fachkreisen herumgereicht, aber bis zum «Comeback» des nie wirklich Dagewesenen dauerte es einige weitere Jahre.

Nun also endlich «Life Is People» (Dead Oceans/Cargo), die kaum noch erhoffte dritte Großtat von Bill Fay. In Großbritannien wird das Album von Musikfachblättern wie «Mojo» oder «Uncut» bereits euphorisch gefeiert, aber auch von Hipster-Internetmagazinen als Retro-Wunderwerk bejubelt.

«Es tat so gut, wieder in einem Studio zu sein», sagte Bill Fay zu «Uncut» über seine Rückkehr zur eigentlichen Arbeit eines Musikers im Vorjahr. Angesteckt von der Begeisterung des jungen US-Produzenten Joshua Henry, der Fays Frühwerk in der Vinyl-Sammlung seiner Eltern entdeckt hatte, suchte der Endsechziger seine besten neueren Songs zusammen und nahm sie mit einer erstklassigen Band, Streichern und Chor auf.

«Life Is People» hat mit aktueller Popmusik praktisch nichts zu tun, sondern ist im besten Sinne zeitlos. Man muss nur diese brüchige, aber immer noch schöne Baritonstimme hören, mit der Fay hier singt - über Gott (den «Big Painter») und «Jesus etc.» (ein Wilco-Cover), über Menschen und ihre Irrwege, über die Natur und ihre Bedrohtheit, über Verzweiflung und (zutiefst christliche) Hoffnung. Pop-Poesie, in zwölf prachtvolle Songs gegossen:

«Be At Peace With Yourself»: berührender, beruhigender Gospel im Folk-Gewand. «City Of Dreams»: sphärischer Slow-Jazz mit virtuosen Gitarre-, Bass-, Vibes- und Orgel-Tupfern. «This World»: ein kraftvolles Duett Fays mit seinem Wiederentdecker Jeff Tweedy (womit sich der Kreis endgültig schließt). «This Coast No Man Can Tell»: eine hauchzarte Klavierballade. Und natürlich der triumphale achtminütige Titelsong «Cosmic Concerto (Life Is People)».

Ja, man muss sich schon einlassen auf diese schweren, elegischen, jedoch nie in den Kitsch abgleitenden Lieder voller Weisheit und Wärme - als Hintergrundgeplänkel taugen sie nicht. Aber die Mühe lohnt sich bei diesem monumentalen Album. Dem Seventies-Veteranen Fay sollte «Life Is People» endgültig einen Platz in der Ruhmeshalle des Pop sichern. Ums Geld geht es dem alten Mann wohl eher nicht - er spendet alle Einnahmen aus seiner Musik an «Ärzte ohne Grenzen».

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