weather-image
19°

Mord als »Erlösung«

Berchtesgaden - Den Schuhmachermeister Martin Bader ermordeten Ärzte im Rahmen der sogenannten »Euthanasieaktion«. Dessen Sohn Helmut Bader hat nun, anlässlich der 7. Winterausstellung in der Dokumentation Obersalzberg, eindrücklich über das Verfolgungsschicksal seines Vaters berichtet. Als Vorlage dienen ihm die Originalaufzeichnungen, die den tragischen Werdegang nachzeichnen.

Helmut Bader und die Originalaufzeichnungen seines Vaters. Dessen Lebensweg hat er nun nachgezeichnet. Foto: Anzeiger/Pfeiffer

»Das ist das Lieblingsbuch in meiner Kindheit«: Wie eine Monstranz hält Helmut Bader das kleine, in Schwarz gehaltene Büchlein im Vortragssaal der Dokumentation Obersalzberg vor der Brust. Auf über 50 Seiten hat sein Vater alles Erlebte niedergeschrieben. Bis zu seinem Tod. Aufgrund seiner körperlichen Behinderung hatten Mediziner sein Leben als wertlos eingestuft, später die Deportation in eine Tötungsanstalt veranlasst. Dort wurden Patienten nach System umgebracht. Helmut Bader war damals viereinhalb Jahre alt, als sein Vater Ende der 30er Jahre in die Heilanstalt Schussenried eingeliefert wurde. Erinnerungen hat er zwar noch, diese liegen aber weit zurück. Den Lebensweg von Martin Bader hat Sohn Helmut, Jahrgang 1934, mit Hilfe von Briefen und Zeugnissen rekonstruiert und das Verfolgungsschicksal analysiert.

Anzeige

Ein fröhlicher Mensch sei Martin Bader gewesen. 1901 ist er geboren, fleißig war er schon in jungen Jahren, als er am Güterbahnhof Platten und Steine trug. 1915 dann die Schulentlassung. »Am gleichen Tag trat ich in die Schuhmacherlehre ein«, heißt es im Tagebuch. Statt eine Turnstunde zu besuchen, musste Martin Bader die Werkstatt aufräumen, so lautete der Auftrag seines Meisters. Die Passagen, die Helmut Bader vorträgt, stammen aus den persönlichen Aufzeichnungen seines Vaters.

1918 erkrankte Martin Bader, so auch seine Schwester, an der Spanischen Grippe. Die Schwester starb, Martin überlebte. Er ging nach Bayern, nach Oberbayern, dort trat er einem Gebirgstrachtenerhaltungsverein bei. Oberbayern wurde seine zweite Heimat. »Dort fühlte er sich glücklich«, erzählt sein Sohn. Von seiner Erkrankung, die später Grund war, dass er in die Heilanstalt Schussenried eingewiesen wurde, ist zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu bemerken.

Mit 23 Jahren wird er Schuhmachermeister, er heiratet die »Braumeister-Marie«, Helmut Baders Mutter. 1926 erkrankt Martin Bader an einem Nervenzittern. Sein Zustand verschlechtert sich, er muss in eine psychiatrische Anstalt. Die Krankheit entwickelt sich zu einem Parkinson-Syndrom, das seelische Leben ist stark belastet, die Arbeitskraft leidet dadurch enorm. »Mein Vater war aber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte«, erzählt der Sohn.

Briefe seien das Einzige gewesen, das ihn mit seiner Familie in Kontakt treten ließ. Seine Probleme und Nöte habe er dargelegt, in vielen Briefen erkennt man die Hoffnung und Zuversicht von Martin Bader - aber auch die Verzweiflung: »Wenn Ihr nur wüsstet, wie es ist, Tag und Nacht unter Geisteskranken zu sein«, schreibt der Vater. Kein vernünftiges Wort könne man mit denen reden. »Ich sterbe fast vor Heimweh.« Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, schrieb Bader mit viel Bedauern: »Ich muss hier sitzen, kann nichts tun, draußen gibt es so viel Arbeit.«

Über Wochen und Monate erstreckt sich der Briefverkehr zwischen Martin Bader und seiner Frau. Dazwischen: Wochen ohne irgendein Lebenszeichen. Im März 1940 schrieb Martin Bader, er solle in der Anstalt noch warten, bis der Krieg aus ist. »Damit bin ich nicht einverstanden.« Denn eigentlich war es sein Ziel, bis zum Jahr 1940 wieder daheim zu sein. In einem Vermerk des betreuenden Arztes in der Anstalt steht Folgendes: »H. Bader scheint sich in der Begeisterung und in dem Bestreben, wieder ins Leben draußen zu kommen, einer starken Selbsttäuschung hinzugeben.«

Auf Mai 1940 ist Martin Baders letzte Nachricht datiert. Ende Juni schrieb ihm seine Ehefrau: »Lange warte ich auf Nachricht von Dir, ich habe rechte Sorge.« Viel Arbeit habe sie gehabt, daher die verspätete Nachricht. Antwort seitens ihres Mannes gab es keine mehr.

Auf weitere Nachfragen der Ehefrau kam aus der Heilanstalt folgende Nachricht: »Ihr Mann wurde vor einigen Tagen in eine andere Anstalt verlegt, deren Namen mir nicht bekannt ist. Ich kann Ihnen deshalb keine Auskunft über das gegenwärtige Befinden Ihres Mannes zukommen lassen.«

Laut Sohn Helmut Bader sei es da schon zu spät gewesen: Der Vater war bereits in die Tötungsanstalt verlegt worden. Kranke und Behinderte wurden dorthin abtransportiert, vielen wurden Ausflugsfahrten vorgegaukelt.

Die offizielle Todesnachricht erreichte Helmut Baders Mutter in einem Brief vom 27. Juni 1940: »Zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Mann Martin Bader (...) unerwartet am 26. Juni 1940 infolge eines Hirnschlags verstorben ist. Bei seiner schweren, unheilbaren Erkrankung bedeutet sein Tod Erlösung für ihn.«

»Erlösung«, die mit Mord gleichzusetzen ist. Helmut Bader erforscht seit 25 Jahren das Leben seines Vaters. Die Erkenntnisse, die er gewann, sind riesig. Dennoch verspürte er keinen Verlust, als er vom Tod seines Vaters erfuhr. Zu jung war er. Auch in Zukunft wird er sich mit dem Schicksal beschäftigen, Vorträge halten, über die Vertuschung sowie die Hunderttausenden »Euthanasieopfer« aufklären. Auch Helmut Baders Tochter hat Interesse in der Sache gefunden. Das Schicksal ihres Großvaters wird also auch künftig Thema bleiben. Kilian Pfeiffer