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Musical - die Kunst, Schauspiel, Gesang und Tanz zu vereinen

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Christine Rothacker (rechts) und ihre Kolleginnen aus dem Musical »Die fabelhafte Welt der Amélie« in München.

Die Kabarettistin, Tänzerin, Musikerin und Schauspielerin Christine Rothacker aus Kirchanschöring spielt noch bis Ende Oktober im Münchner Musical »Die fabelhafte Welt der Amélie« nach dem gleichnamigen Film, der 2001 in die Kinos kam und Kultstatus erlangte. Die Vorstellungen finden im Musicaltheater Werk 7 statt. Nachfolgend ein Interview mit Rothacker, die seit 18 Jahren im Rupertiwinkel lebt und in dem Musical die Rolle der Café-Besitzerin Suzanne verkörpert.


Wie kommt man aus dem kleinen beschaulichen Kirchanschöring auf die großen Theaterbühnen?

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Ich dreh' die Frage mal um. Wie kommt man von den großen Theaterbühnen in das beschauliche Kirchanschöring? Ich bin vor 18 Jahren von Berlin-Kreuzberg in die bayerische Pampa gezogen. Nach vielen Jahren in Großstädten, wie Paris, London, Berlin, Wien, Hamburg wollte ich mal ein ganz anderes Leben und bin mit meiner kleinen Familie zu einen Road Trip nach Bayern aufgebrochen und im Rupertiwinkel gestrandet, weil es einfach so schön hier ist. Also… a Zugreiste! Wir haben Sophies Häusl, wie es hier genannt wird, gefunden und umgebaut. Inzwischen ist es mein Paradies.

Wussten Sie schon in der Schule, was Sie später einmal beruflich machen wollen? Wie sind Sie zur Schauspielerei, zum Gesang, bzw. zum Kabarett gekommen?

Ich war immer sehr lebhaft und hatte sogar während des Unterrichts die Erlaubnis herumlaufen zu dürfen, weil ich nicht stillsitzen konnte und ständig vom Stuhl fiel. Heute würde man wohl ADHS bei mir diagnostizieren und mich mit Ritalin füttern. Auch erfand ich ständig dramatische Geschichten, die ich möglichst glaubhaft versuchte in Wahrheit zu verwandeln. Manche nennen das auch Lügen. Aber das ist alles eine Frage der »Perschpektive« wie Erwin Pelzig immer sagt.

Meine Mutter hatte ein Abo in Heidelberg am Theater, meiner eigentlichen Heimatstadt, und sie nahm mich mit in den »Fliegenden Holländer«. Eine Wagner-Oper mag nicht gerade passend wirken für den ersten Besuch einer 10-Jährigen im Theater. Ich aber war hin und weg und hab dann zu Hause selbst erfundene Opern gesungen und meine Geschwister genervt. Die Liebe zum Tanz und zum Musical kam durch die alten Fred-Astaire-Filme, die damals am Sonntagnachmittag im Fernsehen liefen.

Mit 16 Jahren bin ich von zu Hause weg, um in London, Paris und Berlin, dort an der Universität der Künste Schauspiel, Gesang, Schauspiel und Tanz zu studieren.

Das Kabarett hat mich hier auf dem Land gefunden. Ich fühlte mich zwischen all diesen gewachsenen Traditionen in Bayern wie ein unnützer Fremdkörper und schrieb dann aus Verzweiflung mein erstes Soloprogramm. Das hieß »Ich bin so frei« und handelte von einer Schauspielerin aus der Großstadt, die versucht, dazuzugehören, indem sie sich anpasst, was natürlich nur scheitern kann.

Die Leut hier merken, wenn du nicht authentisch bist. Inzwischen stehe ich zu meinem Paradiesvogel-Dasein und bin eben die verrückte Künstlerin in Sophies Häusl. Des passt!

Was waren Ihre ersten Bühnenerfahrungen?

Im Kinderballett »Peter und der Wolf« tanzte ich den Vogel und in »10 Kleine Negerlein« (das ist nicht mehr politisch korrekt, ich weiß) verbrannte ich als tanzende Sonne im Tütü den Neunten... Sozusagen als Prophetin der globalen Erwärmung. Und in einer anderen schrägen Performance spielte ich einen Baum, der aus einer Kiste platzt. Meine erste Hauptrolle in einem Musical war Sally Bowles in »Cabaret« am Ingolstädter Stadttheater.

Was fasziniert Sie an Musicals und Kabaretts?

Musical ist leider oft als leichte Muse verschrien. In vielen Stadttheatern wird das auf den Spielplan gesetzt, um die Kassen zu füllen. Und man greift auf die bekanntesten Stücke zurück, wie »My Fair Lady«, »West Side Story«, »Cabaret«. Alles bestimmt gute Stücke, aber es gibt so viel mehr und ich wünschte, man würde sich trauen, auch unbekannte Musicals zu spielen und an der Qualität nicht sparen, nur weil es ja eh läuft. Im Idealfall ist Musical eine Kunst, die Schauspiel, Gesang und Tanz gleichwertig und auf höchstem Niveau miteinander vereint. Das gibt es so in keiner anderen Kunstform.

Kabarett ist für mich die Königsdisziplin. Zwei Stunden allein auf der Bühne! Und dein einziger Partner ist das Publikum. Das ist sehr fordernd und ehrlich! Ich habe keine Lust auf Nummern-Kabarett, ich erzähle lieber immer eine Geschichte.

Was ist für Sie das besondere an »Die fabelhafte Welt der Amélie« und was gefällt Ihnen an Ihrer Rolle?

In  »Amélie« geht es um die Angst vor Nähe – menschlicher Nähe – und das ist eines der großen Themen unserer Zeit. Und es wird immer brisanter, da sich die Leute zunehmend durch Smartphone und PC isolieren und Parallelwelten schaffen. Ich spiele die hinkende Café-Besitzerin Madame Suzanne, eine ehemalige Zirkusartistin. Ihr Café ist eine Art Frauenhaus, in der gestrandete, schräge Existenzen Zuflucht finden. So auch Amélie. Ich liebe meine Figur. Sie ist ruppig und vom Leben gezeichnet, aber hat ein weiches Herz und ist eine echtes Stehauf-Weibchen, so wie ich.

Und dieses Werk- 7-Theater ist etwas ganz Besonderes. Im ehemaligen Werksviertel von Pfanny am Ostbahnhof spielen wir in einer Kartoffellagerhalle, die zu einem Arena-ähnlichen Theater umgebaut wurde. Auch das Bühnenbild ist einmalig: Ein original-nachgebautes Café am Montmatre. Die Leute sind ganz nah dran, sitzen teilweise mit im Café oder wir spielen im Publikum.

Wie oft in der Woche stehen Sie für die Show auf der Bühne? Wissen Sie schon, was Sie danach machen?

Im Moment sieben Mal jede Woche, bis zu acht Vorstellungen. Das ist harte Arbeit. Die Leute kommen von überall her und wollen eine gute Show sehen. Da können sie keine Routine runter spielen und müssen sich immer wieder neu erfinden. Nach Amélie werde ich wieder meine eigenen Stücke spielen: »Pflege für Alle – betreutes Kabarett« und »Auslaufmodell 4.0. – eine analoge Farce«. Auch beginne ich gerade zu sammeln für ein neues Kabarett, Arbeitstitel: »House of Cows – die unendliche Serie« – und wie der Titel schon verrät, werde ich eine Kuh spielen. Ein Traum von mir.