weather-image
24°
»Die Einzigen«: Grandioser Roman des Chieminger Autors Norbert Niemann

»Musik spielt direkt auf der Haut«

»,Deshalb bin ich dageblieben. Das war es doch, was du wissen wolltest. Du bist der Einzige, der mich hören will und der es inzwischen manchmal vielleicht sogar kann.´ Ja, dachte er, vielleicht konnte er das.« Mit diesen Worten schließt der neue Roman von Norbert Niemann.

Norbert Niemann in seinem Haus in Chieming. (Foto: Giesen)

Über sechs Jahre nach seinem letzten Buch »Willkommen neue Träume« ist ein neuer Roman des Chieminger Autors erschienen. »Die Einzigen« ist ein grandioser Roman über wahres Künstlertum und Liebe. Gleichzeitig nimmt er den gesellschaftlichen Umbruch in den vergangenen rund 25 Jahren auf drei Ebenen in den Blick – die fundamental geänderten ästhetischen, ökonomischen und technologischen Entwicklungen bis in die Gegenwart hinein.

Anzeige

»Die Einzigen« ist der Name einer New-Wave-Band in den 80er Jahren, die sich aus der Sängerin und Komponistin Marlene Krahl, dem Bassisten Harry Biehler und dem Komponisten und Textschreiber Sellwerth zusammensetzt. Der Roman beginnt mit der Beerdigung Sellwerths, auf der Biehler und Marlene sich nach Jahren wiedersehen. Während er sich von der Musik verabschiedet hat und als Erbe einer Seifenfabrik wirtschaftlich erfolgreich ist, ist Marlene ihrer Berufung zur Musikerin buchstäblich mit Haut und Haaren treu geblieben. Sie stellt ihr ganzes Sein in den Dienst der Musik. Am eigenen Körper versucht sie, mit Hilfe von Elektroden und Mikroprozessoren Klangproduktionen zu entwickeln. »Musik spielt direkt auf der Haut«, sagt sie. Im Unterschied zu Biehler möchte sie kompromisslos dem wirtschaftlichen Missbrauch entkommen und ihren Weg gehen.

Im Laufe der Zeit wird Biehlers Unternehmen allerdings von einem großen Konzern aufgekauft und Marlenes elektronische Avantgarde-Musik wird über die Neuen Medien »entdeckt« und erfolgreich. Nun steht auch sie vor der Frage ihrer Vermarktung.

Der Roman spiegelt die intensive Beschäftigung des Autors mit der neuen Musik über einen Zeitraum von über 20 Jahren. Norbert Niemann selbst, Jahrgang 1961, studierte Musikwissenschaft und stand danach vor der Frage, Musiker oder Autor zu werden. Die Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises 1998 für sein Erstlingswerk »Wie man‘s nimmt« wie auch folgende weitere Auszeichnungen sind zweifellos Bestätigung, dass er den richtigen Weg gewählt hat.

Bei dem neuen Buch stellte es sich für ihn als »größte Heraus-forderung dar, dass es keine Sprache für die Musik, für das Musikerlebnis gibt« sagt er im Gespräch. Die Künstlerin Marlene Krahl wird ausschließlich durch Biehlers Augen, durch seine Beobachtungen und wenige Gespräche mit ihm charakterisiert. Die sprachliche Umsetzung des Werdegangs der Protagonisten spiegelt, wie sich die Sprache der Werbung und andere kulturelle Ausdrucksformen unserer Zeit gegenseitig annähern und kaum noch zu unterscheiden sind.

Niemann zeigt differenziert auf, wie sich die wirtschaftlichen und kulturellen Prozesse durchdringen und wie schwierig, eigentlich kaum mehr möglich es ist, sich dem zu entziehen. Im Roman, der durchaus spannend zu lesen ist, entsteht ein großes, vielschichtiges, auch widersprüchliches Bild von Musik, Kunst und Gesellschaft. »Es hält der Generation der heute 50-Jährigen einen Spiegel vor, der grell blendet und dann auch wieder flackernde Irrlichter zeigt«, schreibt Helmut Böttiger in »Die Zeit«.

Wer den Autor hören und mit ihm sprechen möchte, dem sei eine Lesung aus »Die Einzigen« mit Norbert Niemann in Traunstein empfohlen. Sie ist am Freitag, 12. Dezember, um 19 Uhr im Atelier »Handarbeit Werkraum«, Hinter der Veste 11. Christiane Giesen

»Die Einzigen« von Norbert Niemann, Berlin Verlag, 2014, ISBN 978-3-8270-1253-1, 19,99 Euro.