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Musikalische Ökumene mit Raritäten der Oratorienmusik

Nach der wagemutigen, fulminanten Aufführung des Händelschen Oratoriums »Israel in Ägypten« im Vorjahr in St. Oswald zelebrierte Kantorin Ulrike Ruf auch heuer wieder das Jahreskonzert ihrer Kantorei mit selten gespielten Raritäten der Oratorienmusik in der Katholischen Stadtpfarrkirche Traunstein.


Da war zum einen Felix Mendelssohn-Bartholdys Vertonung des textlich und musikalisch zeitlosen, ergreifenden Klagepsalms 42 »Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu Dir«(von 1837/38) zu hören. Dieser Komponist wandelt ja bekanntermaßen in seiner oratorischen Musik auf den Pfaden Händels, aber auch Telemanns und Johann Sebastian Bachs. Und doch komponiert er mit einer ganz eigenen, anschaulich schildernden, höchst abwechslungsreichen Ton- und Formsprache – und hat so Einfluss auf spätere Oratorienmusik (u. a. von Gounod, Bruckner). Zum anderen kam die »Messe in D« op. 89 von Antonin Dvorak zur Aufführung, ein selten gespieltes Werk von 1894, mit dem »katholischen« Credo, was in dieser besonderen Aufführungskonstellation schon per se eine »Einheit der christlichen Kirche« darstellt, mit der Musik als Vermittler!

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Dem unter dem straffen Dirigat von Kantorin Ruf stark herausgeforderten und bewundernswert festen Laienchor der Kantorei stand ein Solistenquartett von Sängern zur Seite und ein Orchester (Konzertmeister Alexander Krins in bester Funktion!), verstärkt durch das »Grassauer Blechbläser Ensemble«. Letzteres erwies sich als bestens ins musikalische Geschehen integrierte und hervorragend spielende Gruppierung, insbesondere bei Mendelssohn dank des Einsatzes historischer Instrumente. Bei der Aufführung des Mendelssohnschen Psalms konnte die Sopranistin, Gisela Weinberger, abwechselnd mit dem Chor – als Protagonistin des nach Gotte lechzenden, vereinsamten Individuums – ihr sängerisches Gestaltungsvermögen voll einsetzen. Besonders ergreifend war ihr Gesang in den hohen und überzarten Partien, mit denen z. B. die Meerestiefe als Bild der Seelentiefe erscheint ...

Die Dvorak-Messe verweist schon mit ihrer Tonart – D-Dur, als Parallel-Tonart von h-Moll – auf das große Vorbild von Johann Sebastian Bach! Nur gehen hier, anders als bei Bachs h-Moll-Messe, die Chor- und die Solopartien im Gesamten der liturgischen Teile ständig abwechselnd ineinander über. Weshalb die ungewohnte Platzierung des Solistenquartetts in der Mitte des Chors logisch und sinnvoll ist.

Manches in dieser Messe ist überhaupt ungewöhnlich angelegt. Das sonst so triumphale »Gloria« dämpft sich sehr schnell zu einer stark verinnerlichten Fuge mit Ruhepunkten von inhaltlicher Aussagekraft: »Gratias agimus« mit leiser, ferner Orgelbegleitung (ausgezeichnet disponiert: Manfred Müller). Das »Credo« dominiert von den tiefen Solostimmen, insbesondere führend hier der Alt (Luitgard Hamberger, sehr fein und ausdrucksvoll, bestens homogen mit dem Chor; im Bass – tadelloser, klarer Ansatz – Thomas Gropper). Partienweise, neben der Sopranistin, ein jünglingshaft schwebender Tenorklang von Matthias Heubusch, der das oft erstaunlich Sphärenmusikhafte dieser Dvorak-Messe miterzeugte.

Höhepunkt solistisch war das »Benedictus«: auch hier eher Verhaltenheit, Schlichtheit, bis das »Hosianna« von Chor und Orchester massiv einsetzen darf. Frappant für den Zuhörer war dann das Ende der Messe mit einer tief verinnerlichten Friedensbitte »Dona nobis pacem«, die Kantorin Ruf ganz stark in eine zeitlose Stille ausschwingen ließ! Erlösender Applaus aus diesem meditativen Vakuum war erst nach gebührendem Abstand möglich, aber dann sehr herzlich!

Heute, mit Papst Franziskus, dem »Verstärker« seines Vorgängers Benedikt, lautet unser Fazit: wenn Ökumene so gut musikalisch möglich ist, bleibt Hoffnung auf reformerischen Fortschritt! Roswitha Eichinger