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Musikalische Bergtour durch alle Genres

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Der Pianist und Musikkabarettist Felix Reuter (links) und Volksmusikant Hermann Huber an Ziach und Klarinette zogen ihr Publikum mit einer musikalischen Bergwanderung quer durch die Musikstile in ihren Bann. (Foto: Mergenthal)

Mit Humor, Selbstironie und Augenzwinkern haben zwei Musiker aus auf den ersten Blick ganz konträren Richtungen – ein Thüringer aus der Welt der Klassik und ein Rupertiwinkler aus der Volksmusikszene – ein Experiment gewagt: »Die verflixte Alpensinfonie« haben der Pianist und Musikkabarettist Felix Reuter aus Weimar und Hermann Huber aus der Gemeinde Ainring ihr erstes gemeinsames Projekt genannt. »Uraufgeführt« wurde es im Rahmen eines Kurkonzerts in der Konzertrotunde in Bad Reichenhall.


Das Publikum war von der originellen Konzertidee und der pfiffigen Darbietung quer durch alle Genres begeistert. Die beiden behaupteten, sich auf einer Bergwanderung kennengelernt zu haben und ein Stück gemeinsam gegangen zu sein. Der erste Teil war geflunkert. Felix Reuter und Hermann Huber begegneten sich in Wahrheit erstmals bei der Kleinkunst-Show »Salzbrettl« im Februar in Freilassing, Ersterer mit seinem Soloprogramm »Die verflixte Klassik« und letzterer mit seinem Ensemble »Die Salonboarischen«, und waren sich sogleich sympathisch. Der zweite Teil der Behauptung stimmte: Nachdem Reuter am Mittwoch angereist war und beide drei Tage für ihren Auftritt geprobt hatten, unternahmen sie eine Tour auf den Schlenken mit Alm-Einkehr.

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So wusste Felix Reuter, der dafür bekannt ist, seinen Zuhörern von der Natur inspirierte, klassische Musik auf unterhaltsame Weise nahe zu bringen, wovon er sprach, als er eine »gemeinsame Alpenwanderung« mit allerlei Klangbeispielen lautmalerisch schilderte.

Als Auftakt stellte das Duo den Traditionsmarsch »Gruß an Oberbayern«, vom Münchner Komponisten von Georg Freundorfer im Original für die Zither geschrieben, dem bekannten Thüringer Wanderlied »Rennsteiglied« gegenüber. Hier setzte Reuters origineller, analytisch-sezierender Blick auf die Klassik an: Die »Feuerwehr-Quarte«, wegen der allein viele Komponisten berühmt geworden seien, entdeckte er nicht nur im »Rennsteiglied«, sondern auch bei »Peter und der Wolf«, Verdi, der Eurovisionsmelodie, Wagner oder »Amazing Grace«.

Entlang ihres gemeinsamen Wegs pflückten der Pianist und der Volksmusikant an diatonischer Ziach oder Klarinette – mal im Duo, mal einer allein – Blumen wie den Enzian oder einfach eine »kleine Blume«, wie der 1952 von Sidney Bechet komponierte und durch Chris Barbars Jazz Band 1959 bekannt gewordene Jazzstandard »Petite fleur« übersetzt heißt.

An einem Bergsee trafen sie in musikalischen Welten schwelgend Schubert – mit einer Variation zu seinem Forellenquintett –, Peter Tschaikowsky – mit poetischem Geflimmer am Klavier und einer ausdrucksstarken Klarinette um die Schwanensee-Motivik – und sogar den Schwan aus Camille Saint-Saëns' »Karneval der Tiere«.

Mit Anklängen aus Vivaldis »Frühling«, Gershwins »Summertime« und dem Jazzstandard »Autumn Leaves« ging es munter durch die Jahreszeiten und mit Mozart – Reuter begeisterte mit einer Rock-'n'-Roll-Variante seiner Nachtmusik – und Beethoven in die mondhelle Bergnacht hinein.

Auf dem Abstieg vom Gipfel ließen die beiden ihr gebanntes Publikum an einer Einkehr bei der Sennerin und ihren Gästen, schon etwas angeheiterten Jägern, teilhaben, mit dem »Blaufahrer«-Ziachstück von Herbert Pixner. Dazu passe auch der Bolero, warf Felix Reuter spontan ein und enthüllte sodann mit einem Rundumschlag durch die Welt der Musik bis hin zu Schlager und Musical, wer alles das Bolero-Motiv »abgekupfert« hat.

Beim Abwärtsgehen ins Tal seien die Gräben dann immer größer geworden, scherzte Reuter. Und Hermann Huber illustrierte das mit dem »Zielgrab’n Landler« aus eigener Feder. Franz Sinatras »My Way« fasste den gemeinsamen Weg nochmal zusammen. Felix Reuter spielte auswendig oder improvisierte, und die beiden waren mit ihrer spritzigen Performance und ihrem locker-flockigen, synchronen Spiel eine tolle Einheit – eine außergewöhnliche Kooperation, die es wert ist, weiter vertieft zu werden. Als Zugabe gab es eine »Weltpremiere«, eine von Huber gesungene, bayerische Variante zu Joe Cockers »You can leave your hat on«, und einen geschmeidigen Blues. Veronika Mergenthal