weather-image
23°

Musikalische Höhenflüge

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Zum Greifen nah saßen die Musiker im Sawallisch-Haus und versprühten Leidenschaft pur: Alexander Sitkovetsky (Violine) und Konstantin Lifschitz (Klavier). (Foto: Benekam)

Halbzeit hieß es für die mitwirkenden Musiker beim sechsten, ausverkauften, Konzert des Chiemgauer Musikfrühlings, welches eher im Stil eines intimem Hauskonzerts unter dem Motto »Von Berg und Tal« im gemütlichen Sawallisch-Haus in Grassau stattfand.


Mit einer höchst anspruchsvollen und in jederlei Hinsicht außergewöhnlichen Werkauswahl war auch dieses Konzert aller Ehren wert. Schon das erste gehörte Werk, »Six Epigraphes Antiques für Klavier zu vier Händen« von Claude Debussy, erheiterte die Stimmung eines Dauerregentages und erfüllte das zuckersüße Impressionismus-Klischee. Das Plätschern der Regentropfen und der Gesang der Amseln aus dem Garten passte im übrigen hervorragend zu Debussy. Diana Ketler (Klavier) und Konstantin Lifschitz (Klavier) interpretierten das Werk voller Demut, mit großen Attitüden und empathischer Gabe.

Anzeige

Das »wohlinspirierte« Klavier bekam im Anschluss ein Gewicht auf ein Fußpedal gelegt und wurde von Olivier Darbellay (Horn) für ein Horn-Solo von Jörg Widmann als Klangverstärker genutzt. In der Komposition »Air«, die man als musikalische Zirkusnummer bezeichnen könnte, wird das Klavier als Resonanzraum genutzt. Die Schallwellen des Horns setzen die Saiten im Korpus des Klaviers in Bewegung und erzeugen echohafte Klangereignisse, welche, gleich einem Panoptikum, die Spielmöglichkeiten des Horns wiedergeben. Laute Töne finden leisen Widerhall. Überraschte Hörorgane lauschten den verschwindenden Tönen eines variationsreich gespielten Horns nach.

Die folgende Komposition von Franz Schreker hat einen märchenhaften Hintergrund: Das Auftragswerk aus dem Jahr 1908 sollte die Musik zu einem Ballett sein, dessen Inhalt ein Märchen von Oscar Wilde war. »Der Wind« für Violine, Klarinette, Horn, Violoncello und Klavier spiegelt musikalisch exakt Themen wie zartes Windesrauschen oder Vogelgezwitscher wider und lässt den Hörer in der grandiosen Interpretation von Alexander Sitkovetsky (Violine), Thorsten Johanns (Klarinette), Olivier Darbellay (Horn), Torleif Thedeen (Violoncello) und Diana Ketler (Klavier) einen ganzen Zauberwald assoziieren.

Im zweiten Konzertteil, so moderierte der Intendant des Musikfrühlings, Razvan Popovici, sollten die gespielten Werke »ins Tal« führen. Geerdete, bodenständige Werke von Antonin Dvorák oder George Enescu standen im Programm. Mit Dvoráks Sonatine für Violine und Klavier in G-Dur, op. 100 in vier Sätzen brachten Alexander Sitkovetsky (Violine) und Konstantin Lifschitz (Klavier) die hingerissenen Zuhörer aber eher in Gipfelstimmung. Das 1893 komponierte Werk, das Dvorák seinen Kindern gewidmet hatte, besteht aus vier Sätzen in schlichtem, übersichtlichem Aufbau und beinhaltet Themen, die auf typische Wendungen der »Indianermusik« und Spirituals zurückgreifen.

Mit einer Eigenkomposition für Violine, der Fantasie für Violine solo, verarbeitete Marc Bouchkov 2015 die Schreckensereignisse zwischen Ukraine und Russland. Da seine Mutter aus der Ukraine stamme und sein Vater aus Russland, fühlte sich Bouchkov in besonderem Maße betroffen. In seiner »Fantasie« gelingt es ihm, in seiner »Sprache« seine Gefühle auszudrücken: Wut, Trauer, Chaos und am Ende doch, mit optimistischem Anklang, Hoffnung heraus hörbar zu machen. Für die Gäste im Sawallisch-Haus war das Stück eine über alle Maßen hinaus berührende »Vorstellung« einer mehr als gelungenen Komposition, die Lust auf mehr macht.

Die Rumänische Rhapsodie Nr. 1 von George Enescu, bearbeitet für Klavierquartett von Thomas Wally, schickte die restlos begeisterten Konzertbesucher schließlich ins Tal zurück. Razvan Popovici (Viola), Justus Grimm (Violoncello), Alexander Sitkovetsky (Violine) und Diana Ketler (Klavier) gingen einmal mehr in die Vollen und tauchten den Sawallisch-Saal in die variationsreich-elegante, aber vor allem lebenslustige, rumänische Volksmusik. Für ein rundherum gelungenes Konzert bedankten sich die Gäste mit jubelndem Applaus. Kirsten Benekam