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Musikalische Seelenprüfung in der Klosterkirche

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Und noch einmal die Bühne hinunter, bevor der nicht enden wollende Applaus das Auryn Quartett und Wen-Sinn Yang wieder und wieder zurückholt. (Foto: B. Heigl)

Ein Affront? Respektlosigkeit? Wie ist das zu nennen, wenn jemand während eines Konzerts aufsteht und einfach das Weite sucht? Es löst zumindest kontroverse Gefühle bei allen Anwesenden aus. Die meisten Konzertbesucher würden es sich wohl nicht trauen, dies zu tun. Ist es richtiger, einfach sitzen zu bleiben, wenn einen die Musik so stark bewegt, dass man lieber gehen möchte?


Der anwesende Porträtkomponist Wolfgang Rihm, bei dessen sechssätzigem Streichquartett »Im Innersten« – aufgeführt von dem fantastisch spielenden »Auryn Quartett« – drei Personen offensiv die Klosterkirche verlassen haben, hat dieses Tun vielleicht als »Gewahrwerden des Lebendig-Seins« gesehen, denn das ist, so steht es im Programmheft, der oberste Grundsatz des Komponierens für ihn. Vielleicht ist ihm das sogar lieber als Gleichgültigkeit oder Ausharren, bis es vorüber ist? Dass dem Komponisten diese unmittelbare, starke Reaktion wahrscheinlich aber eher sympathisch war, merkte man daran, dass er sich anschließend mit einer der zuvor Gegangenen angeregt und sehr freundlich unterhalten hat.

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Musikhören ist ja schließlich auch eine Art des Wahrnehmens, des Lebendig-Seins! Innere und äußere Bewegung stimmten hier offensichtlich überein. Ja, es stimmt schon, die Musik Rihms ist eine Herausforderung, denn sie bricht mit vielen konventionellen Hörgewohnheiten, was spannend ist und natürlich auch anstrengend. Zu hören waren da musikalische Spannungszustände, die sich qualvoll ausdehnten, ehe sie zusammenfielen und auf einem Ruheton liegenblieben, musikalische Zitate von Gustav Mahler als organisch stimmige Verneigung vor diesem großen Komponisten, bei dem damals sicher auch nicht immer alle Zuhörer brav sitzen geblieben sind. Das »Auryn Quartett« (Matthias Lingenfelder und Jens Oppermann, Violine, Stewart Eaton, Viola, und Andreas Arndt, Violoncello) begegnete in seinem Spiel all den Eruptionen, Impulsen, dem Chaos und der Zerrissenheit mit großer musikalischer Hingabe und erschütternder Offenheit. Man freute sich direkt für sie, wenn ab und an harmonischer, ganz leiser und hauchfein gewebter Glanz hineinkomponiert war. Diese musikalisch umgesetzten Empfindungen hat Wolfgang Rihm in Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs 1976 komponiert.

Wer die Programmänderung veranlasst hat, Joseph Haydns Spätwerk, das Streichquartett in d-Moll op. 103 Hov. III 83, Fragment, aus dem Jahre 1803, das ursprünglich am Beginn des Konzertabends stand, zwischen Wolfgang Rihm und Franz Schubert zu platzieren, hat gut daran getan. So konnte die unglaublich harmonische und milde Musik Haydns ihre Wirkung nach Wolfgang Rihms fordernder Musik besonders gut entfalten – man badete geradezu in einem Meer der Harmonie, dessen Wellen zuvor hochgepeitscht waren, und die nun, seidenglatt und sonnenbeschienen zur Erholung einluden.

Außerdem wartete noch das Streichquartett für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli in C-Dur D 956, 1828 von Franz Schubert – kurz vor seinem Tode komponiert – auf das Publikum, dessen Gemüt, wie schon einmal an diesem Abend von dem unglaublich modern klingenden Schubert aufregend bewegt werden sollte. Deshalb hätte auch zum Werk Schuberts Rihms Kompositions-Titel »Im Innersten« gut gepasst. Die »Auryns« spielten gemeinsam mit dem Cellisten Wen-Sinn Yang einen geradezu frappierend modern wirkenden Schubert. Düster, der Grundton schwarz gefärbt, vor allem durch den Klang der beiden Celli, entsteht auch hier eine Musik, die fast zur Zerreißprobe wird. Wenige Lichtstrahlen nur im »Allegro ma non troppo«. Dann das »Adagio«, das mit einer bitter-süßen Frage beginnt, träumt und mit zarter Unsicherheit wieder die Glut des Lebens erforscht.

Jens Oppermann spielte die erste Geige und ließ die Zuhörer an der zerbrechlichen Schönheit der Musik teilhaben, für die man eine Seelenkenntnis braucht, damit man sie derart zu Gehör bringen kann. »Prüfe, solange du lebst, deine Seele« lautet die Inschrift, die man ganz oben an der Decke der Klosterkirche lesen kann. Die Musik Schuberts kam an diesem Abend einer Seelenprüfung gleich: Das energetisch aufgeladene »Scherzo«, maskulin im Ausdruck, Zurück-Haltung und übermütige Freude, in diesem Satz findet man so einiges, das man nicht sofort versteht.

Dann das »Allegretto«, die Jagd nach dem Glück, das Finden, das Festhalten und das Wissen, dass nichts davon bleibt. Aber ist der Glückszustand nun nicht um vieles schöner nach all den Metamorphosen, durch die die Musiker das Publikum in den fünf Sätzen geführt haben. Dem »Auryn Quartett« und Wen-Sinn Yang ist gar nicht genug zu danken, für die gelungene musikalische Transformation. Aber dafür sind die Musiker ja bekannt, dass sie ganz Besonderes bewirken können. Nomen est Omen. Gut, dass die langen Jahre der »Auryn-freien« Sommerkonzerte nun endlich unterbrochen worden sind. Sie haben ja ihr eigenes, wie man hört, wunderschönes Festival am Mondsee, wo sie 2010 die künstlerische Leitung übernommen haben.

Die innere Bewegung des Publikums muss groß gewesen sein, denn sie machte sich lautstark in vielfältiger äußerer Bewegung Luft. Lang anhaltender Applaus, Getrampel und enthusiastische Zurufe holten die Musiker immer wieder zurück auf das Podium. Barbara Heigl