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Musikalische Verbeugung vor dem Duke

Zwei großartige Musikerpersönlichkeiten gaben sich in zeitlich kurzem Abstand in München die Ehre. Sie begeistern mit ihrer Musik nicht gerade den Mainstream, machen aber ausgesprochen vielschichtige und sehr tanzbare Musik. Die Rede ist hier von Bill Wyman und seinen Rhythm Kings und von Joe Jackson. Beide traten im ehrwürdig-charmanten Circus Krone-Bau auf. Den Exbassisten der Rolling Stones und seine All-Star-Band hätte man gerne mal wieder gehört, aber leider verpasst. Aber Joe Jackson und seine sechsköpfige Formation The Bigger Band gehört zu haben, konnte einen für diesen verpassten Genuss zu 200 Prozent entschädigen. Das Publikum liebte den baumlangen, schlaksigen Musiker mit den asketischen Gesichtszügen vom ersten Moment an und jubelte ihm schon enthusiastisch zu, bevor er noch den ersten Ton gespielt hatte.

Mit den Worten »What good is melody, what good is music« beschwor Joe Jackson erst einmal ganz allein am Flügel, wie immer markant und doch voller Poesie, das Publikum, mitzukommen, auf eine aufregende musikalische Reise durch die Stilepochen der Musik. Der Duke des New Wave, der Anspielungen, Zitate und der genialischen Eigenkompositionen widmete den Abend einem anderen Duke, Duke Ellington. Der zu Beginn verspielt-hypnotische Song nahm langsam Fahrt auf und mündete in den ersten, spannend arrangierten Song »It don't mean a thing« (If it ain't got that swing) des Großmeisters des Swing.

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Das große Equipment auf der Bühne, darunter gleich zwei, durch eine Plexiglasscheibe getrennte, ordentlich bestückte »Schießbuden« mit Schlagzeug und etlichen Percussionsinstrumenten, eine Tuba, ein Kontrabass, zwei E-Pianos, eine Geige, ein Akkordeon und anderes Spielzeug, warteten schon auf die Bandmitglieder, die Jackson ab dem zweiten Song den Abend hindurch begleiteten. Mit außerordentlicher Spielfreude ließen sie es gemeinsam mit ihrem Meister swingen, jazzen, rocken, aber auch ordentlich rumpeln. (Take the »A« Train/Cotton Tail) – »a kind of New Orleans-Session of rocking rhythm«, schmunzelte Joe Jackson, als er es ansagte.

Die Zuhörer bekamen einiges geboten: kammermusikalische Momente etwa bei dem Ellington-Song »I got it bad«, riesige, kompakte, schimmernde Soundmodule, mächtig aufgeblasene Popsymphonien, New Wave-Hymnen, eine rumpelnde New Orleans-Straßenkapelle, Techno-Impulse, Anklänge an Django Reinhard, Frank Zappa, sogar Beethoven und Bruckner. Und das alles an einem Abend. Und natürlich gab es auch die ganz großen New Wave-Balladen wie das sentimentale »Be my number two« aus den früheren Alben zu hören. Aber bei all dem der New Wave geschuldeten Perfektionsbedürfnis für glatte Klangoberflächen, hatten die Musiker auch großes Vergnügen, die perfekten Klanggebilde eben mal gekonnt zum Absturz zu bringen, um sie dann wieder wie Phönix aus der Asche noch schöner aufzusteigen zu lassen.

Die Phantasie scheint bei Joe Jackson keine Grenze zu kennen. »Caravan« einer der 3000 Songs, die Duke Ellington geschrieben hat, war von ihm in eine Art atemlose, coole James Bond-Film-Symphonie verwandelt worden, die im Mittelteil mit klirrenden Dissonanzen und treibenden Bässen in eine Art klingenden Drogensumpf trudelte. Doch fantastische musikalische Energiewellen trieben die »falschen Töne« straight vor sich her und gewannen wieder die Oberhand. Dann, der nächste Song, wieder ganz korrekte Old School. »Home town«, eine sehnsuchtsvolle Ballade, die in Musik ausdrückte, wozu die Worte nicht ausreichen. Jacksons Stimme nimmt einen sofort mit, aber auch die makellose Gesanglinie beeindruckte.

Mit Genuss lauschte man außerdem dem virtuosen Geigenspiel der Jazz-Violonistin Regina Carter in all seinen kräftigen und leuchtenden Farbschattierungen. Die Rhythmusfraktion mal filigran, dann bombastisch, die Gitarre mal frickelnd, dann mit melodischen und epischen Sololäufen, düstere Basslinien, die auch einem Tom Waits zugeordnet werden könnten, und viele andere musikalische Finessen begeisterten das Publikum im gut gefüllten Circus Krone.

Auch wenn es musikalisch bei Jackson außerordentlich bunt zugeht, bei der Lightshow ist er eher der zurückhaltende Typ. Wie schon 1985 im »Rockpalast« – man dachte damals schon, weniger Lightshow wäre nicht möglich – machte er sich auch diesmal den Grundsatz zu eigen »Noch weniger ist manchmal noch mehr«. Dafür gingen wahre Soundgewitter, begleitet von funkelndem musikalischen Ideenreichtum, auf das Auditorium hernieder, dass es eine Art hatte. Wie die stolzen Segel eines mächtigen Viermasters ragten mit enormer Klangweite die Stimmen von Jackson und seiner phantastischen Sängerin und Multiinstrumentalistin Allison Cornell straff gespannt im musikalischen Fahrtwind heraus.

Beim wild erklatschten Zugabenset, zu dem sich die Zuhörer dann vor Begeisterung von den Sitzen erhoben, brachten die Musiker mit dem mitreißend pulsierenden Swingjuwel »It don't mean a thing«, diesmal mit Band, die aufgestaute Bewegungsenergie des Auditoriums richtig in Schwung. Manchmal ist Sitzen ja wirklich Folter, wenn die Musik so in die Beine geht! Bill Wyman lässt in dieser Hinsicht ja auch nichts anbrennen, man kommt auch in seinen Konzerten aus der »Zappelei« nicht heraus.

Zur allgemeinen Beruhigung des Aufruhrs spielte Jackson in ein innig gerufenes »Love you!« aus dem Publikum hinein seinen »Slow song«, eine Eigenkomposition aus dem 1982 erschienenen Album »Night and day«, bei dem sich die Musiker, einer nach dem anderen, unter jeweils großem Applaus verabschiedeten, Auch das lustige Kribbeln in den Beinen beruhigte sich nun wieder, aber die Vorfreude auf das neue Album »The Duke«, das die Berichterstatterin nach dem Konzert ohne zu zögern augenblicklich erstand, war groß. Der Hunger war offensichtlich noch nicht gestillt. Das ist gut so. Barbara Heigl