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Musikalischer »Atem des Teufels« im Seeoner Festsaal

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Unser Bild zeigt den Oboisten Gabriel Gramesc mit der Collegia-Musica und der Dirigentin Elke Burkert. (Foto: Kaiser)

Die 2013 gegründete Collegia-Musica-Chiemgau e.V. hat sich mit ihrer Gründerin und Leiterin Elke Burkert zum Ziel gesetzt, mit Profis und qualifizierten Laienmusikern »Institutionen oder Organisationen zu unterstützen, die es wert sind«. Dafür engagieren sich ohne Gage um die zwanzig Musikerinnen und Musiker etwa aus der Bad Reichenhaller Philharmonie, dem Landestheater Coburg, dem Münchner Kammerorchester, dem Mozarteumorchester Salzburg, dem English Chamber Orchestra und dem London Philharmonic Orchestra.


Ihre Benefizveranstaltung im Festsaal von Kloster Seeon stand unter dem rätselhaft-schlagwortartigen Motto »Un-Er-Hört«. Die Cembalistin des Ensembles, Andrea Wittmann aus Truchtlaching, die für die erkrankte Coburger Schauspielerin und Moderatorin Katrin Lion eingesprungen war, schaffte Klarheit: »Unerhört« stand dafür, dass die meisten der aufgeführten Werke sehr unbekannt waren, aber auch dafür, dass das nicht so sein und bleiben sollte. So warteten viele kostbare musikalische Überraschungen auf das Publikum.

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Ein gutes Beispiel dafür war der erste Komponist des Konzerts, der US-Amerikaner Arthur Foote (1853 bis 1937). Über ihn schrieb das Chamber Music Journal: »Wenn auch sein Name nicht ganz unbekannt ist, so muss man ehrlicherweise sagen, dass seine Musik es ist. Das ist eine Schande!« Arthur Foote gehörte zu den »Boston Six«, die sich »Second New England School« nannten und als Begründer der eigenständigen klassischen Musik in den USA gelten. Seine zwei Sätze aus der Serenade E-Dur op. 25 für Streichorchester überzeugten in Seeon mit intensiv-sattem Streicherklang. Die »Air«, delikat und ausgefeilt dirigiert von Elke Burkert, war noch sehr der musikalischen Romantik verpflichtet; die »Gavotte« dagegen vertrat in ihrem Gestus stärker das Lebensgefühl der »Neuen Welt« und war ein fröhlich-gesundes Pendant zur »Air«.

Das »Nocturne« für Violoncello und Streicher op. 19 Nr. 4 von Peter Tschaikowsky (1840 bis 1893) entwickelte sich unter den Fingern des Solisten Martin Weikert sehr sanglich und barg eine klangvolle Kadenz. Massimo Negrotti (geb. 1941), Professor für Methodik der Geisteswissenschaften an den Universitäten von Parma und Genua, ist »nebenbei« Komponist. Seine Romanze für Oboe und Streicher erwies sich als einfach strukturierte, doch gefällig-eingängige Musik, die ganz vom Klang der Oboe des Solisten Gabriel Gramesc lebte.

Mitten in die Hochzeit des Barock führten die fünf »Pièces en Concert« für Violoncello und Streicher von Francois Coupérin (1668 bis 1733), Gustostücke für Martin Weikert. Einem gemessen-verhaltenem Auftakt (»Prelude«) folgte eine elegante, tänzerische »Siciliène«, Fanfarentöne klangen unüberhörbar aus »La Tromba«. Wunderschön in ihrer Traurigkeit, doch mit einem aufmunternden Trio klang »Plainte«, und beim beschließenden »Air de Diable« streifte die Zuhörer wirklich der Atem des Teufels, eines durchaus netten der Barockzeit natürlich.

Der russische Komponist Wassili Kalinnikow (1866 bis 1901) stammte aus ärmlichen Verhältnissen, sein ganzes Leben war von großer Not geprägt – so starb er schon in jungen Jahren an Tuberkulose. Sein Kompositionsstil ist an seinen Vorbildern Tschaikowsky und Borodin orientiert, zeigt aber eigene und eigenwillige Akzente, ist von einfallsreicher Melodik und farbiger Orchestration geprägt. Trotz seiner unheilbaren Krankheit wirkt seine Musik positiv, ja geradezu optimistisch.

Auch seine Serenade g-Moll für Streicher atmete diese Grundhaltung und vermittelte reichen Hörgenuss. Robert Schumanns (1810 bis 1856) »Drei Fantasiestücke für Pianoforte und Klarinette (ad libitum Violine oder Violoncello)« op. 73 (1894) sind so unverwüstlich, dass sie auch in der Bearbeitung für Oboe und Streichorchester großartig wirken. Bewegt strömend, vom Solisten und dem Orchester lebendig ausmusiziert, bildeten sie in schöner Einheit ein überzeugendes Beispiel Schumannscher Kompositionsintensität.

Neben diesen doch bekannten »Fantasiestücken« war das »Doppelkonzert« das wohl bekannteste Werk im Programm, das Konzert für zwei Violinen, Streicher und B.c. d-Moll BWV 1043 von J. S. Bach (1685 bis 1750). Die jungen Solistinnen Anja Bartos und Julia Burkert dialogisierten in inniger Verflechtung ihre Parts auf höchstem Ausdrucksniveau, schienen sich an Tonschönheit übertreffen zu wollen, absolvierten die schwierigsten Passagen mit einem Lächeln. Das Orchester stand ihnen an Präzision und Begeisterung in nichts nach, gestaltete auch den Mittelsatz herrlich schwingend und ausdrucksvoll, eben »Largo, ma non tanto«.

Leichtere Kost, sehr bekömmlich zur Beruhigung, gab es mit den drei extrem kurzen Sätzen des Concerto G-Dur »Alla Rustica« von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741). Doch als Zugabe brachte »Crowdambo« von Jeremy Cohen, dem Jazzviolinisten und Gründer und Primarius des Quartet San Francisco, noch einmal Pep ins Konzert. Diesen Abschied fanden alle Zuhörer »unerhört« und waren dankbar für die Programmgestaltung. Engelbert Kaiser