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Musikalischer Halt in Kirchhalling

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Im aktuellen Fahrplan der Bahnstrecke Traunstein-Waging am See ist zu lesen: »Der Halt Kirchhalling wird nicht mehr bedient.« Ein Grund mehr, sich diesem idyllisch gelegenen Ort abseits der heutigen Staatsstraße 2105 zumindest kulturell in besonderer Weise zu widmen.


Nicht zum ersten Mal entschied sich daher der Verein für Heimatpflege und Kultur Waginger See e.V. als Veranstalter der Musiktage in Waging am See, die diesjährige Matinée dort auszurichten, wo sie vor 20 Jahren ins Leben gerufen wurde. Die St. Nikolaus-Kirche bietet hierfür den idealen Rahmen, altehrwürdige Sakralarchitektur mit zeitgemäß-klassischen Empfindungen zu vereinen. Dies meinten auch die vielen Besucher, die sich trotz hochsommerlicher Temperaturen auf eine vormittägliche Unterhaltung ganz »Aus der Art« freuen konnten.

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Als wahrer Glücksgriff kann daher das Engagement der Obermooser Musi bezeichnet werden, die mit einer gut dosierten Mischung aus internationaler Folklore, Blues und Jazz, bereichert mit phantasievollen Eigenkompositionen, aufwartete, um elegant – und keineswegs stilmindernd – zu den Wurzeln alpenländischer Volksmusik zurückzukehren. Die solistisch wie in der Gruppe ausgezeichneten Musikanten – ausgestattet mit Gitarre, Kontrabass, Hackbrett, Percussion, Harfe, Flöte, Zither und Ziach – stellten ein anspruchsvolles und vielseitiges Programm vor, das von einem gelaunten Publikum dankbar angenommen wurde.

Bereits das »Lied des Lebens« von Horst Brunner, der mehrere Werke beisteuerte, setzte dank der virtuosen Kraft eines Hackbretts (dargeboten von Klara Stief) Akzente, die ähnlich einem spätmittelalterlichen Minnesang gegen das Vergessen einer Hohen Zeit ankämpfte. In »Wilder Martini« gelang in beschwingter Manier ein beseeltes Wechselspiel der Harmonien – und gewiss auch der Gefühle, da die Erinnerung des Komponisten an eine schöne Frau geweckt wurde.

Titel wie »Mülldeponie« oder »Blechdose« können irritierend anmuten, doch sie eröffnen sowohl einen romantisch-umweltfreundlichen Weitblick als auch die seltene Gelegenheit, eine gewöhnliche Dose durchaus als »Blech«-Instrument anzuerkennen. Eine vielversprechende Musikreise in südamerikanische Gefilde mit »Sommer, Sonne, Palmenstrand«-Impressionen glückte mit dem rhythmischen Traditional »Merengue«, das eine wohlklingende, selbstbewusst dominierende Harfe (Evi Fenninger) ins rechte Licht rückte.

Die sehr feinsinnig angelegte Filmmusik aus »Black Orpheus« – vom Brasilianer Luiz Bonfá kunstvoll erdacht – ließ wieder einmal gewahr werden, wie herrlich sich eine Diatonische Ziach (Andreas Schillinger) weltweit in Szene setzen kann. »Tango (sofort) und Rotwein (später)« aus Argentinien beeindruckte durch gekonnt gefällige Verzögerungen der Akkorde. Der bulgarische Hochzeitstanz »Cetvorno Sopsko Horo« gestattete einen kurzen Ausflug ins europäische Umland, ebenso der aus Moldawien stammende »Kishniever Bulgar«, der zwar mit rasantem Tempo auftrumpfte, dann aber heilsam-verhalten ausklang.

Das im Jahre 1932 entstandene Musicalstück »Bei mir bist du schain« bezauberte durch angedeutete Geigenklänge der einzelnen Saiteninstrumente: »Man könnte leben, aber sie lassen einen nicht.«

Was wäre Weihnachten ohne die damals tschechoslowakische Kultmärchenverfilmung »Drei Nüsse für Aschenbrödel«? Ein Harfensolo von Evi Fenninger verlieh hierbei dem Wetter eine staunenswerte musikalische Abkühlung. Die von Andreas Schillinger eigens verfassten Arrangements zeichnen sich durch edle Klangfarben, präzise Fingerfertigkeit und die unabdingbare Liebe zum Instrument aus.

Ob für seinen Sohn Elias geschrieben, ob als »Messerwechsel« gedolmetscht oder als einfacher wunderbarer Landler zu Gemüte geführt: Es ist alles drin, was Musik hervorzubringen vermag. Als mittlerweile bekannteres Stück gilt »Walzer für 'n Christoph« von Johanna Dumfart und verdient zweifelsfrei das Prädikat »Traditionelle Neue Volksmusik«. Ein unglaublicher Saitenklang erfüllte den Kirchenraum bis zur letzten Minute, und lang anhaltender Beifall gab den Künstlern und ihrem Repertoire recht. Als einmalige Zugabe erklang passend »Mercy, mercy, mercy« von Joe Zawinul, in der Resi Baumgartner wiederum mit ihrem außerordentlichen Gitarrenspiel überzeugte.

Anschließend verköstigte die Dorfgemeinschaft unter freiem Himmel. Der Reinerlös aus Konzert und Bewirtung kommt allein der Filialkirche zugute; so für die Restaurierung des Antoniusgemäldes. Helmut Loipfinger