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Musikalisches »Treibgut« auf dem Chiemseeschiff

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Das »Trio Lézard« mit (von links) Jan Creutz, Stefan Hoffmann und Stéphane Egeling gab auf der MS Edeltraud ein atmosphärisches Konzert. (Foto: Mergenthal)

Unter das Motto »Treibgut« hat das renommierte »Trio Lézard« passenderweise das Musiksommerkonzert auf der MS Edeltraud gestellt: Während der Schifffahrt mit Alpenkulisse und Sonnenuntergang präsentierten die drei sympathischen Musiker auf Oboe, Klarinette, Fagott und vielen anderen Rohrblattinstrumenten allerlei Kuriositäten, eine Art »Treibgut«: kuriose Geschichten, wie sie vergessene Stücke ans Licht geholt haben, verrückte Besetzungen, Instrumenten-Raritäten und außergewöhnliche Kompositionen.


Von Bach bis zur Wiener Klassik, von oberösterreichischer Volksmusik bis zum französischen Chanson reichte der Spannungsbogen. Das Trio konzertiert bereits seit 20 Jahren in unveränderter Besetzung und sieht sich aus echter Leidenschaft und Begeisterung in der Tradition des legendären »Trio d’anches« (»Rohrblatt-Trio«). Diesen Begriff prägte der Fagottist Fernand Oubradous mit Gleichgesinnten ab 1920 in Paris.

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Im ersten Teil ließen sie auf historischen Instrumenten den Klang zu Mozarts Zeit erahnen. Der gebürtige Bremer Stéphane Egeling blies eine originale Barock-oboe aus der Zeit um 1770, seine Kollegen, der aus dem Badischen stammende Stefan Hoffmann und der früher in der Rock- und Bigbandszene heimische Münchner Jan Creutz auf Nachbauten barocker Originale.

Die festliche Eröffnungs-Sinfonia, vermutlich italienischen Ursprungs, hat der Oboist bei einem Engadin-Urlaub in der Bibliothek eines Frauenklosters entdeckt. Spritzige Terzetti einer Sammlung von »Divertimenti« von Wolfgang Amadeus Mozart, ursprünglich für drei Basetthörner geschrieben, verschmolzen in ihrem wiegenden, gleichmäßigen Gestus mit dem Schaukeln und lautlosen Dahingleiten des Schiffs zu einer herrlich entspannenden Mischung. Ineinanderfließende Legato-Passagen, schwungvolle Tanz-Sequenzen oder Variationen zu Opernarien wie »Reich mir die Hand, mein Leben« aus »Don Giovanni« erklangen virtuos und mit großer Leichtigkeit.

Von dieser Musik gebe es keinen Autografen, verrieten die Musiker geheimnisvoll. Eine Abschrift aus dem zehnten Jahr nach der Entstehung fanden sie beim heutigen Eigentümer Volker Derschmidt in Oberösterreich, dessen gleichnamiger Vater es 1937 auf Wanderschaft auf einer Burg entdeckt habe. Vater und Sohn Derschmidt sind auch Musiker – in einem ganz anderen Genre: Geschmeidige Walzer und flotte Polken aus ihrem Fundus echter Volksmusik gaben einen Eindruck.

Noch verrückter war die Geschichte, als das »Trio Lézard« auf den Spuren der fast vergessenen Rohrblatt-Besetzung in der Pariser Nationalbibliothek einen Werkkatalog aus den 1930er Jahren ausgrub. Vom dort aufgelisteten Hirtenstück »Eglogue« des Operettenkomponisten Reynaldo Hahn gab es keine Noten, nur eine Schellack-Platte. Mühsam rekonstruierte das Ensemble Ton für Ton das Stück: Es beginnt ungewöhnlich mit einem Fagottsolo. Die melodische Hirtenweise wandert von Instrument zu Instrument und wird teils virtuos umspielt.

Im Kontrast dazu stand die experimentierfreudige Musik von Pierre-Octave Ferroud aus der Zeit 1933/34: Das Trio spielte eins der ersten Stücke, die Ferroud für den Fagottisten Fernand geschrieben hat, der damals mit seinem Trio viele Komponisten inspirierte.

Eingeleitet wurde der auf modernen Instrumenten interpretierte zweite Teil mit einem kühnen Bach-Experiment, denn Bach vertrage ja einiges, scherzte Jan Creutz: die Inventionen 4 und 8 auf Sopransaxofon, Englischhorn und Kontrabass-Sarrusofon, ein Kontrafagott aus Blech. Erfunden hat es der Militärmusiker Pierre-August Sarrus. Weil er hier frech die Bauart des Saxofons auf ein Doppelrohrblattinstrument mit seiner typischen »Attacke« im Ansatz übertragen hatte, verklagte ihn Adolphe Sax, Erfinder des Saxofons, und Sarrus musste fast alle seine Instrumente zerstören.

Die Eleganz und Exaktheit im Zusammenspiel, die atemberaubende Virtuosität und die einmalige Klangkultur kamen noch mal auf wunderbare Weise bei den augenzwinkernd servierten Zugaben zum Ausdruck. Sie stammten aus der Welt der Chansons: Arrangements zu Charles Trenets Liebeslied »J’ai ta main«, von Jean Sablon in einen flotten Foxtrott verfremdet, und zu »Je t’attendrai« von Jean Sablon, auch in der Bearbeitung des Jazzgitarristen Django Reinhardt. Mit dem zur See-Kulisse bestens passenden Tango »Caprifischer« klang das atmosphärische und ungewöhnliche Konzert aus. Veronika Mergenthal