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Musikalisches Zauberwerk mit Obertongesang

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Das »Stadler Quartett« mit dem chinesischen Komponisten Huang Ruo (Mitte) verband westliche und asiatische Musikkultur aufs Genialste. (Foto: Benekam)

Völlig neuartige Klänge durchdrangen den Saal des Vereinshauses Traunstein und ließen die Hälse der Konzertbesucher immer länger werden. Woher kommen diese Töne? Eine akustische Halluzination? Entspringen sie wirklich einem menschlichen Stimmorgan? Oder ist das irgendein seltsamer Trick?


Schon der Konzerttitel gab Rätsel auf: »Calligraffiti«. Der chinesische Komponist und Musiker Huang Ruo löste dieses nach der stimmgewaltigen Konzerteröffnung auf: Das Wort sei die Kombination aus Kalligrafie und Graffiti – zwei dem ersten Anschein nach gegensätzlichen Kunstformen des Schreibens oder der Schriftgestaltung aus unterschiedlichen Kulturen. Obwohl, oder gerade weil die eine Kunstform aus dem Osten und die andere aus dem Westen kommt, bieten sie eine integrative Ansatzfläche mit geradezu schreiender Herausforderung zur Improvisation – ein spannender Ansatz.

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Noch spannender, wenn sich ein Komponist dieses Themas annimmt und bildhafte Kunst in Musik umsetzt. Grundvoraussetzung zum Gelingen dieses musikalischen Projekts war es, die dazu passenden Musiker zu finden. Die waren in Frank Stadler (Violine), Izso Bajusz (Violine), Predrag Katanic (Viola) und Mikhail Nemstov (Violoncello) aufs Genialste gefunden. Ein Glücksgriff oder Fügung. Für die hingerissenen Zuhörer jedenfalls ein einmaliger Hörgenuss.

Nur vier Werke waren in diesem außergewöhnlichen Konzert zu hören. Mit der Improvisation eines chinesischen Volkslieds waren die Segel in ungewohnte Gesangswelten gesetzt. Weiter und tiefer hinein ins aufregend Neuartige ging es mit »Leaving Sao« von Huang Ruo für Stimme und Streichquartett. Dazu schickte Ruo ein Gedicht – in englische Sprache übersetzt – voraus und erleichterte so dem Hörer den Zugang: »Sao« aus dem Chinesischen übersetzt heißt »trauriges Dilemma« – davon erzählte auch der Text, den Ruo in seiner Muttersprache sang.

In dem dreisätzigen Werk vereinten sich Streichmusik mit durchdringendem Stimmeinsatz, trafen westliche und asiatische Musikkultur aufeinander und entwickelten eine eigene Stilistik. Der mittlere Satz ist als Elegie rein instrumental gesetzt und erzielte die Wirkung eines nahtlosen, verbindenden Rahmens. Noch auf die ungewohnten Klänge im vorderen Bühnenbereich fokussiert, erfüllte von hinten kommend der kraftvolle Obertongesang von Gareth Lubbe den Saal. Elektrisiert lauschten die Zuhörer dem sich stetig verändernden Klang von nur einer Stimme – mit einem Klangspektrum, bunt wie eine Farbpalette: ein Mikrokosmos der Vokalklänge.

Schwebend, sich ausdehnend, raumgreifend zog der Obertonsänger die volle Aufmerksamkeit auf sich, setzte sich in langsamen Schritten in Bewegung, wobei er, seinen Zauber noch verstärkend, sich selbst auf seiner Bratsche begleitete. In absoluter Stille schienen nur noch seine Klänge zu gelten – gespenstisch und zugleich fantastisch. Mit Worten nicht zu beschreiben.

Gut, dass der Musiker selbst nach seiner »Overtone Improvisation« einen kleinen erläuternden Vortrag hielt. Mit geschärftem Gehör und in höchster Konzentration war das Hören nun maximal sensibilisiert oder sogar »neu« erlernt. Kein Ton, kein Geräusch entging den Lauschenden im Saal, sodass das letzte, titelgebende Werk, das »String Quartett No. 3: Calligraffiti«, sich wie ein Seidentuch in die Gehörgänge schlich. Einzigartig und unvergesslich.

Die beschreibende Wortschöpfung des Komponisten traf ins Schwarze: Im bildhaften Vergleich vermischten sich Farben, wurden zu Klangfarben, die im gemeinsamen Fluss ein großartiges Klanggemälde zeichneten. Die vier »westlichen« Streichmusiker zelebrierten Ruos Werk mit hingebungsvoller Leidenschaft und schufen mit ihrer Virtuosität die Brücke von Ost nach West. Riesenapplaus für ein alle Sinne schärfendes und kraftspendendes, musikalisches Zauberwerk. Kirsten Benekam

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