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Mystisch, leidenschaftlich und verrückt

Andreas Hinterseher, Mulo Francel, Didi Lowka und Evelyn Huber ( v. l.) rissen ihr Publikum im drei Mal voll besetzten NUTS mit. (Foto: Mergenthal)

»Wir sind sozusagen das 'NUTS' und zusammen aufgewachsen«, verriet Mulo Francel, der kreative Wirbelwind des Quartetts Quadro Nuevo, das nun drei Mal hintereinander die Traunsteiner Kulturfabrik füllte. Vor 14 Jahren, als die beliebte Traunsteiner Kleinkunstbühne eröffnet wurde, war die damals erst drei Jahre bestehende Gruppe erstmals dort zu Gast. Trotz des inzwischen erreichten Erfolges und Auszeichnungen wie 2010 dem ECHO Jazz als bester Live-Act kommt die Band aus alter Verbundenheit seither jedes Jahr wieder. Die zahlreich erschienenen Fans kamen mit hingebungsvoll musizierter Musik auf ihre Kosten. Bereitwillig ließen sie sich auf die musikalischen Bilder märchenhafter Welten, wundersamer Seelenlandschaften und orgiastischer Tänze ein.


Melancholische Melodien zeichneten ein altes italienisches »Lied von der Straße« aus, bei dem Saxofonist Mulo Francel der neapolitanischen Mandoline, die er sein »Hobby« nennt, feinste Tremoli entlockte. Als Straßenmusikanten oder als Tangokapelle sind die Vier aus dem Raum München (Mulo Francel und Evelyn Huber), Amerang (Didi Lowka) und Fischbachau (Andreas Hinterseher) neben ihren Auftritten in großen Hallen und bei renommierten Festivals auch unterwegs. So holen sie sich aus aller Herren Länder ihre Inspirationen. »Wir suchen immer neue Lieder. Die müssen etwas Besonders haben so wie dieses«, erklärte Mulo Francel in seiner amüsant-trockenen Moderation nach einer feurigen Nummer mit wahnwitzigen Sax-Improvisationen und frechen Glissandi an Evelyn Hubers Harfe: »Da kann man so tun, als wäre man wild.« Auch für anrührende Lieder, die eine Geschichte erzählen, hat das unkonventionelle Quartett eine Schwäche. So wie das Klagelied, das ein jüdischer Musiker im Ghetto einer polnischen Stadt vor seinem Tod schrieb. Mystisch, gehaucht und samten, blies Mulo Francel die Klarinette. In sich versunken und eindringlich klopfte Bassist Didi Lowka mit dem Bogen auf die Saiten. Die lyrische Harfe griff die Melodie auf, und Hintersehers Akkordeon legt schwermütige langgezogene Klänge darunter. Regelrecht zelebriert waren Anfang und Schluss der Stücke, so auch der Beginn des Italo-Schlagers »Parole, Parole«: Leise und synkopisch begannen Bass und Harfe. Hinterseher gesellte sich mit dem Vibrandoneon, einer in einer italienischen Akkordeon-Manufaktur erfundenen Weiterentwicklung der Melodika, dazu und Francel pfiff fein die Melodie.

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Pure Leidenschaft prägt die »Gewürzlieder« von Quadro Nuevo. Drei davon bekam das begeisterte Publikum, das sich trotzdem nicht zum Tanzen verführen ließ, zu hören, wie »Safran« mit Sinnesreizen wie aus 1001er Nacht: Beim abgedrehten Stück »Paprika« hob der Saxofonist wie ein durchgehender Gaul ab. Bei »Kakao« fühlten sich die Ausnahmemusiker mit Umhängetrommel, Sax, Cajon und Harfe in die längst versunkene Welt der Azteken ein.

Sie loten nicht nur die Grenzen zwischen Weltmusik, Klassik und Jazz aus, sondern auch die technischen Grenzen und Spielmöglichkeiten auf ihren Instrumenten. Insgesamt musizieren sie laut ihrer Internetseite auf 27 verschiedenen, unter anderem auch auf einem »Herrenschuh«, der jedoch in Traunstein nicht zum Einsatz kam.

Jedem einzelnen ist trotz der Professionalität die unbändige Spielfreude anzumerken. Evelyn Huber scheint mit ihrem Instrument zu verschmelzen, lehnt sich hinein, reißt die Saiten in stürmischen, harten Akkordkaskaden, flirtet aber zuweilen auch wie auf Engelssaiten. Didi Lowka, der muskulöse, große Mann an Bass und Perkussion gibt, mit geschlossenen Augen wie in sich hinein hörend, mit Feingefühl und fantasievollen Spieltechniken der Musik ihren Herzschlag und ihre Basis. Mulo Francel kann die Saxofone so herrlich schmutzig spielen und den Klarinettenton so ziehen und schleifen wie kaum ein anderer. Und Andreas Hinterseher drückt mit dem Akkordeon, Vibrandoneon und – im stilechten Tango Argentino – dem Bandoneon ein Universum der Gefühle aus. Beim Zuhören vergisst man Raum und Zeit. Mit zwei Zugaben bedankte sich die Formation für den hymnischen Beifall. Veronika Mergenthal