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»Wandelkonzert« mit Uraufführung des Traunsteiner Komponisten Patrick Pföß in der Stiftskirche Laufen

Mystische Atmosphäre in altehrwürdigen Räumen

Etwas Unvergleichliches erlebten die Konzertbesucher in der Stiftskirche Laufen: Laufens Kirchenmusiker Thomas Netter und der Traunsteiner Komponist Patrick Pföß hatten zu einem »Wandelkonzert« geladen, das verschiedene historische Sakralräume in und an der Stiftskirche mit mystischer Musik erfüllte. Teils waren die Klänge ungewohnt, doch die trotz des Biergarten-Wetters zahlreich erschienenen Zuhörer ließen sich bereitwillig darauf ein.

Claudio von Hassel bei seinem Vibraphon-Solo im mit Kerzen stimmungsvoll erhellten Beinhaus. (Foto: Mergenthal)

Im Vorhof der Kirche führte Pföß die Gäste in den Ablauf des Konzerts und des ersten Stücks ein. Im Laufe des Abends konnten diese durch verschiedene Räume »wandeln« und im Hauptkirchenschiff, in der gotischen Sakristei und im Beinhaus passenden musikalischen Darbietungen lauschen, die jeweils die Potenziale des Raumes auf besondere Weise nutzten.

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Zum ersten Stück, seiner Komposition »Virtutes«, erzählte Pföß die erstaunliche Geschichte von dessen Entstehung: Er habe kurz vor Weihnachten von einem Werk über die vier Erzengel geträumt. Bewusst zählt Pföß auch Uriel dazu, der von der Ostkirche und im Volksglauben als Erzengel anerkannt wird/wurde, nicht jedoch von der römisch-katholischen Lehre. Am Tag nach dem Traum erhielt er einen Auftrag des Dresdner Vocalensembles »Canticum Novum« für genau dieses Stück, das dann 2007/2008 entstanden ist.

Zu dessen Konzept gehört, dass es beginnt, bevor die Besucher den Kirchenraum betreten, und zwar mit dissonanten leisen Haltetönen auf der in der Mitte des Mittelgangs postierten Truhenorgel. Dadurch – und auch durch die wie Statuen auf Podesten in den vier Himmelsrichtungen stehenden Sänger – lag eine unheimliche Spannung im Raum. Jeder der vier Solisten verkörperte einen bestimmten Erzengel und sang einen Text, der aus den Symbolen der jeweiligen Engel, einem charakteristischen Satz, einem der vier Elemente und einer zugeteilten Farbe bestand.

So stellte Anna Gassler mit einem roten Schal und warmer, vollmundiger, feuriger Altstimme den Michael dar. Sie sang die Worte »Rot« (in verschiedenen Sprachen), »Osten«, »Feuer«, »Schwert« und »Wer ist wie Gott?«. Analog interpretierte Alexander Hüttner an der Nordseite mit klangvollem Tenor und blauer Schärpe den Gabriel, dem das Wasser zugeordnet wurde. Mit raumfüllendem Bass sang Hubert Dobl an der Westseite die Partie des Raphael, dem der Wind und neben typischen Worten auch ein Schnalzen mit der Zunge zugeteilt war. Überirdische, sirenenhafte Töne ließ Sopranistin Marcia Sacha als Uriel, für den das Element »Erde« blieb, in den Raum strömen.

Der Orgelpart von Thomas Netter bildete ein Gegengewicht und unterstützte, unterlegte, irritierte oder kommentierte die Gesangsstimmen und Prozesse. Im Lauf des Stücks wurden die Worte und Geräusche zwischen den Engeln ausgetauscht und in transformiertem Zustand zurück gegeben.

Wenngleich der Laie sicher überfordert war damit, alle diese Prozesse zu verfolgen, so konnte er sich doch durch die noch lang nachwirkenden, dem Himmel abgelauschten Klänge berühren lassen.

Danach ließ sich die eine Hälfte der Besucher im Beinhaus vor uralten Totenschädeln und vielen Kerzen vom Vibraphonspiel von Claudio von Hassel verzaubern. Zwei meditative Stücke ertönten: »Unter Helgas Brüsten liegt Arepo, in Glück« von Pföß und das für Vibraphon bearbeitete »Adagio« aus der Orgelsonate W 151 von Wolfgang Hein. Die andere Hälfte hörte in der gotischen Sakristei tänzerische Renaissance-Musik von Michael Praetorius, Tilman Susato und anderen. Eine passende Kulisse bildeten die Tafelbilder, die Mesner Hans Surrer erläuterte. Sie zeigen unter anderem die 14 Nothelfer, das »Bettwunder« der heiligen Elisabeth, Szenen aus dem Leben der heiligen Ottilie und die Martyrien des heiligen Georg.

Bis Oktober sind sie jeden ersten Sonntag im Monat bei einer Führung um 11 Uhr nach der Messe zu bestaunen. Rupert Eder blies mit Virtuosität und Leichtigkeit den hölzernen »Zink«, ein Vorläufer der Trompete, am Cembalo einfühlsam begleitet von Netter. Später wurden die Interpretationen mit jeweils der anderen Besuchergruppe wiederholt. Weitere Höhepunkte waren eine von Netter an der Hauptorgel gespielte Orgelpartita von Georg Böhm sowie die Uraufführung des temperamentvollen Schlagwerk-Solostücks »Phi« von Pföß durch Hassel, ein Geschenk zu dessen 50. Geburtstag.

Versöhnlich endete das Konzert mit Johann Sebastian Bachs Motette »Lobet den Herrn, alle Heiden«, bei der die vier Sänger in der Raummitte um die Truhenorgel standen, was ebenfalls eine reizvolle akustische Wirkung erzeugte. Teile dieses Wandelkonzerts wurden am Tag darauf im Ettendorfer Kircherl bei Traunstein aufgeführt. Veronika Mergenthal