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Nach 90 Jahren ist Schluss

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Transtein - St. Michael
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Künftig bleiben die Kirchenbänke in der Seminarkirche St. Michael am Sonntag leer. Denn im 90. Jahr des Bestehens des Studienseminars findet am kommenden Sonntag zum letzten Mal eine Eucharistiefeier statt. (Foto: Wannisch)

Traunstein – Seit 1929, also seit genau 90 Jahren gibt es das Seminar St. Michael und damit auch die Gottesdienste in der Seminarkirche. Das ist eine stolze Tradition und die Kirche hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Auch Joseph Ratzinger, der heutige Papst em. Benedikt XVI., hat als Seminarist in der Studienkirche die heilige Messe mitgefeiert.


Doch mit den regelmäßigen, sonntäglichen Gottesdiensten in der Seminarkirche ist nun Schluss. »Mit dem 14. Juli 2019 wird sich eine Änderung ergeben. Es wird der letzte, regelmäßige Sonntagsgottesdienst im Seminar auf absehbare Zeit sein«, wie Stadtpfarrer Georg Lindl und Spiritual Dr. Christoph Hentschel mitteilen. Spiritual Helmut Bauer wird die Eucharistiefeier zelebrieren.

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Über Jahrzehnte hinweg hatte das Seminar stets einen Direktor, der zugleich Priester war. So konnte das Internat stets einen starken spirituellen Akzent setzen, zu dem die regelmäßigen Gottesdienste am Sonntag wie selbstverständlich gehört haben. Dazu gehört auch Monsignore Dr. Thomas Frauenlob, der von 1997 bis 2006 Seminardirektor auf der Wartberghöhe war. »Die Zeit ändert sich, und wir uns mit ihr« – so fasst es Frauenlob, heute Leiter des Pfarrverbands Stiftsland Berchtesgaden, treffend zusammen. »In Traunstein gibt es keine Ordensgemeinschaft mehr, die Zahl der Priester, auch der im Ruhestand, ist spürbar zurückgegangen. Als Pfarrer weiß ich, dass man sich diesen Realitäten stellen und entsprechend verantwortlich Konsequenzen ziehen muss.«

Diese Konsequenzen hat die Stadtpfarrkirche Traunstein nun gezogen. So wie sich Internatserziehung in St. Michael in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt habe, heißt es im Schreiben von Dekan Lindl, so ist auch der Zustand der Kirche in Traunstein einer Entwicklung unterworfen.

Der Grund für das Ende der regelmäßigen Sonntagsgottesdienste in St. Michael liegt im Wesentlichen darin, wie es Lindl formuliert, dass zur Stadtkirche in den vergangenen Jahren zwei Pfarreien dazugekommen sind, Surberg und Übersee, die beide von Traunstein aus administriert werden. Zudem gibt es immer weniger Priester. »Ende letzten Jahres hat uns Pater Joy verlassen, der nach Indien zurückgekehrt ist und im November wird Kaplan Martin Gehringer eine neue Stelle in München antreten, ohne dass für beide Personen ein Ersatz in Sicht wäre.« Diese personelle Entwicklung wird insgesamt eine Auswirkung auf das Angebot an Eucharistiefeiern in der Stadtkirche haben, wobei gerade der Sonntagsgottesdienst im Seminar in seiner zeitlichen Parallelität zu drei anderen Eucharistiefeiern in der Stadtkirche nicht mehr zu leisten ist.

»Bis in die 1980er Jahre waren auch die Präfekten, die Erzieher im Seminar, in der Regel Priester und konnten die Aufgabe, Messen zu lesen, übernehmen«, sagt Spiritual Hentschel. Da sich die Anforderungen an die Erzieher geändert haben – heute müssen es ausgebildete Pädagogen sein, was Priester früher normalerweise nicht waren, – hat sich auch das Personalprofil verändert.

Etwas Bedauern schwingt bei allem Verständnis bei Monsignore Frauenlob mit angesichts der vielen Erinnerungen. »In der Kirche des Studienseminars gab es neben den Seminaristen eine treue Gottesdienstgemeinde von außen, die sehr interessiert zum Seminar stand und den Schwestern und mir wesentlicher Bestandteil des Seminarlebens bedeutete. Zudem waren dies überdurchschnittlich aufmerksame Zuhörer, die Wert auf qualitative Predigten und eine geordnete Liturgie legten. Insofern war man als Seminardirektor ziemlich gefordert! Gern erinnere ich mich an den Mitternachtsgottesdienst an Silvester 1999, sowie an den Dankgottesdienst unmittelbar nach der Wahl von Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. Es war vermutlich der erste Gottesdienst für den neuen Papst an seinem Wahltag überhaupt.«

Ein kleiner Lichtblick bleibt: An manchen Sonntagen wird weiterhin eine Messe in St. Michael gefeiert, etwa zu den Elterntagen und bei der Verabschiedung der Abiturienten. Die Feier der Werktagsmessen am Mittwochabend bleibt ebenfalls erhalten. vew

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