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Unter anderem referierte Jörg Oberwalder (rechts) über die 19 Vogelarten, die am Geigelstein leben. (Foto: Wunderlich)

Natürliche Lebensräume schaffen: Diskussion zum Entwurf der Managementplanung »NATURA 2000«

Schleching – Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Traunstein (AELF) führte einen »Runden Tisch« zum Entwurf der Managementplanung »NATURA 2000« für das Gebiet »Geigelstein und Achentaldurchbruch« auf der Hinterdalsenalm durch.


»NATURA 2000« ist ein europaweites Netz aus Fauna-Flora-Habitat (FFH)- und Vogelschutzgebieten. Das Hauptanliegen ist die Schaffung eines zusammenhängenden ökologischen Netzes, in dem die biologische Vielfalt der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Pflanzen und Tiere zu erhalten ist. Der im Gebiet zentral gelegene Geigelstein gehört zu den bedeutendsten Karstgebieten im Alpenraum und hat durch seinen Artenreichtum den Beinamen »Blumenberg« erhalten. Bei schönstem Wetter standen die Besucher auf der Dalsenalm, sie konnten vier Fachvorträgen zuhören, neugierig beäugt von den herbeikommenden Rindern.

Schlechings Bürgermeister Josef Loferer sagte gegenüber den zahlreichen Anwesenden, dass nach jahrelanger Erfahrung mit dem Thema »Naturschutzgebiet« jetzt noch weitere Herausforderungen durch den ansteigenden Tourismus zu berücksichtigen seien. Jeder könne den Entwurf des Managementplans einsehen und wünschte sich eine sachliche Diskussion darüber, damit im nächsten Jahrzehnt und Jahrhundert die Almwirtschaft weiter bestehen könne. Als Damoklesschwert sah er das im Managementplan geforderte »Verschlechterungsgebot«. Josef Loferer wies in seiner Eigenschaft als Almbauer im Geigelsteingebiet auf ein Wasser-Problem hin. Dort würden neue Quellfassungen dringend gebraucht.

Johannes Buhl vom Kartierteam des AELF Ebersberg sprach über Lebensraumtypen und Arten im Wald im Gebiet des Geigelstein. In der Bewertung bezeichnete er den mehr als 1550 Hektar großen Bergmischwald in einem günstigen Erhaltungszustand – bestehend zu 50 Prozent aus Buchen als Hauptbaumart, daneben Tannen, Fichten und Bergahorn. Den Tannenanteil fand er zu gering, besonders in der Verjüngung mit nur einem Prozent. Die Beeinträchtigung sah er durch Wildverbiss und schlug eine Reduktion vor.

Zum Thema »Lebensraumtypen und Arten im Offenland« referierte Albert Lang vom Büro Naturschutz und Mediation, dazu gehören die Almgebiete, Felsen, Schuttbereiche, Moore, Fluss- und Bachbetten sowie steile Lawinenrasen. Als besonders wertvoll sah er die ausgedehnten, von vielen seltenen und gefährdeten Arten bereicherten alpinen Kalkrasen. Zu finden sind auch Borstgrasrasen und Zwergstrauchheiden, die einen überlebenswichtigen Lebensraum für diverse Vogelarten wie die Raufußhühner bieten. Das Optimum fand Albert Lang in einem ausgewogenen Miteinander und Nebeneinander. Bei der Aufnahme der Daten und der Begehung habe er sehr gute und zielführende Gespräche mit den Almbauern geführt.

Vom Haselhuhn bis zum Zitronenzeisig

Einen weiteren Vortrag hielt Jörg Oberwalder von »coopNATURA« zum Thema »Vogelschutzgebiet Geigelstein«. Er sah hier einen Lebensraum für 19 Vogelarten, wie beispielsweise die besonders störempfindlichen Birk-, Hasel- und Auerhühner oder für Felsbrüter wie den Steinadler, in Baumhöhlen brütende Waldarten wie Spechte und Käuze oder spezialisierte Vögel der Almen wie Bergpiper und Zitronenzeisig. Eine weitere Besonderheit nannte er beim Gänsesäger, der im Achendurchbruch brütet.

Dominik Zellner, Gebietsbetreuer Wald »NATURA 2000« beim AELF Traunstein moderierte die anschließende Diskussion. Dabei fragte der Almbesitzer der »Hinterdalsen«, Franz Wörndl, nach den Vorteilen des Managementplans für die Almbesitzer. Er führte dazu aus, dass im Jahr 1990 besprochen worden sei, dass die Almen vor dem Massentourismus geschützt werden sollten, heute wäre der Tourismus aber trotzdem fünfmal so hoch. Außerdem komme aus dem Wald – für das der Forst zuständig sei – das Ungeziefer und es würden weitere Probleme mit dem Wolf und dem Biber drohen.

Ein anderer Almbauer sprach die Roßalm auf dem Geigelstein an, wo die von den Behörden ausgegebenen Auflagen – keine Beweidung bis 15. Juli – nicht nachzuvollziehen seien. Eine große Erschwernis sei besonders, dass es auf das 1700 Meter hoch gelegene Gebiet keine Zufahrt gibt. Die Tiere würden bei Trockenheit verdursten. Die Weide in Zukunft so zu erhalten, sei unmöglich. Ziel sollte sein, die Beweidung auszubauen, damit die Almweide nicht weiter verbuscht, um den Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere, wie dem gepunkteten gelben Enzian, zu erhalten.

Ein weiteres Problem der Almbauern wurde mit der »Zuständigkeitsfrage« bei den Behörden aufgezeigt. Ein betroffener Bauer erzählte, wie er bei einer geplanten Veränderung der Tränke von einem Mitarbeiter zum nächsten geschickt wurde, weil sich keiner zuständig fühlte.

Es meldeten sich die beiden Almfachberater Christian Tegethoff (Rosenheim) und Alfons Osenstätter (Traunstein) und boten sich als Ansprechpartner an, die gegebenenfalls die richtige Stelle bei den Behörden ausfindig machen können. Maria Stöberl vom Verband der Forstberechtigten sprach die unklar formulierten Punkte im Managementplan an, etwa den Punkt »gelegentliche Beweidung«. Außerdem fragte sie, welche Maßnahmen ergriffen werden können, wenn das Wasser ausgeht.

Der Tenor von den verschiedenen Mitarbeitern der Ämter auf alle Fragen war: »Es ist unser oberstes Ziel, die Almwirtschaft zu erhalten.« Der Managementplan solle nur als Grundlage dienen und auch das »Verschlechterungsgebot« sei nur für die zuständigen staatlichen Behörden verbindlich und keine neue Verpflichtung für die privaten Grundeigentümer. Der Plan sei daher extra nicht fixiert worden, damit Anpassungen vorgenommen werden können. Außerdem klang durch, dass den Bauern genügend Sachverstand für die richtigen Entscheidungen unterstellt wurde. Dominik Zellner forderte die Almbauern dazu auf, weitere Themen einzureichen, die nach ihrer Ansicht im Managementplan fehlen.

Sebastian Pertl, Almbauer aus Sachrang, sah in dem Plan einen fortlaufenden Prozess und berichtete von der Möglichkeit der kostenlosen Beratung durch die Behörden. Dabei könne jeder selbst entscheiden, ob er das ausgearbeitete Betriebskonzept annimmt. Er sah es nicht als Bedrohung, eher als Chance. Ihm habe es die Augen geöffnet für neue Möglichkeiten und er schätzt die Beratung.

wun