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»Natur nicht vergewaltigen, mit ihr arbeiten«

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Durch die Orientierung des Künstlers an der natürlichen Gegebenheit der Holzstücke sind Strukturen entstanden, die schön anzuschauen und auch angenehm anzufassen sind. (Foto: Eder)

Die faszinierenden, der Natur nachempfundenen Holzskulpturen des 2009 verstorbenen, 1926 in Traunstein geborenen Bildhauers Erno Wiedenmann sind mindestens bis Ende November in der Kleinen Galerie in Waging zu bewundern.


Galerist Wolfgang Fleischer präsentiert die organisch wirkenden Skulpturen des Künstlers, vorwiegend in Lindenholz ausgeführt, in seiner Galerie in der Salzburger Straße. Die kleineren Werke stehen in den Schaufenstern, die mannsgroßen Skulpturen in der Galerie selbst. Zu sehen ist die Ausstellung zu den regulären Öffnungszeiten von Dienstag bis Freitag von 9 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr, am Samstag von 9 bis 14 Uhr.

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Objekte des Künstlers finden sich in vielen europäischen Ländern, auch in Kanada und den USA. Wiedenmann, der zuletzt in Übersee zu Hause war, war ursprünglich Kunsttöpfermeister und Kachelofenbauer. Er hatte in den 1940er Jahren die Meisterschule für Keramik in Landshut besucht und sich dann in Tonbildhauerei und Malerei weitergebildet. Ab 1980 hat er Ofenarchitektur unter ergometrischen Gesichtspunkten wiederbelebt und die Firma »Chiemton« gegründet. In zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland, auf Studienreisen und als Mitglied der Künstlergruppen »Roter Reiter« und »Der Bogen« war er über gut 50 Jahre hinweg künstlerisch tätig. Über seine Witwe ist jetzt der Kontakt zu der Waginger Galerie entstanden. Mindestens bis Ende November werden die faszinierenden Exponate hier ausgestellt sein: luftig wirkende Skulpturen, die, wie es der Künstler einst selbst beschrieb, »dem natürlichen Wachstum folgen – durch Hervornehmen dessen, was kraftvoll und gesund ist, durch Wegnehmen und Öffnen dort, wo Wind, Wetter und Zeit schon damit begonnen haben, Schwachstellen zu eliminieren«. Dadurch sind Durchblicke und Öffnungen entstanden, die den Skulpturen phantasieanregende Formen und beinah schwebende Leichtigkeit vermitteln – wie ein Bildnis, das durch die beiden von einem Zentralpunkt ausgehenden »Arme« stark an einen schwebenden Vogel erinnert. Noch mehr fasziniert eine in sich geschlossene Holzstruktur mit großen »Durchblicken«, wie der Künstler das eben bezeichnet, die ebenfalls beinahe zu schweben scheint.

Dann gibt es einige »bodenständige« Arbeiten zu sehen, Holzformationen, die fest am Boden stehen. Durch die Orientierung des Künstlers an der natürlichen Gegebenheit der Holzstücke sind auch hier Strukturen entstanden, die schön anzuschauen – übrigens auch angenehm anzufassen – sind und in die der Betrachter viel eigene Gedanken und Vorstellungen hineindenken kann: »wohltuend zum Bestaunen und im wahrsten Sinne zum Begreifen«, wie der Künstler das selbst ausgedrückt hat.

Im hinteren Bereich der Galerie stehen einige mannshohe Skulpturen, auch bei diesen hat der Künstler, um ihn wieder selber sprechen zu lassen, nichts erfunden, sondern hat sich in die Holzstämme hineingedacht, sich an das Gefundene herangetastet, die gewachsenen Strukturen betont und so das Material zu neuem Leben erweckt. Neu umso mehr, als eine der Skulpturen aus dem Holz einer wohl 1000-jährigen Linde stammt.

Die Werke, die in der Kleinen Galerie in Waging ausgestellt sind, bestechen durch ihre Ästhetik und ihre sinnliche Anziehungskraft. Es geht von ihnen eine Faszination für alle Sinne aus – geradezu magisch wird der Betrachter angezogen und eingeladen, das Holz nicht nur anzusehen, sondern vor allem auch zu befühlen. Die Skulpturen sind namenlos, dem Betrachter soll nichts vorgegeben werden. Allerdings hat der Künstler den Werken kurze Anmerkungen beigegeben, die alle im Grunde eines aussagen, nämlich dass der Künstler hier mit der Natur arbeitet, dem natürlichen Wachstum folgt – nach dem Motto: »Der Künstler kann nur finden, er kann nicht erfinden« und »Die Natur zeigt mir, was ich tun kann und muss.« Hans Eder

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