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Naturkatastrophe verhindern: Einsatz von Pilzgerste gegen Engerlingplage am Jochberg

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Erosionsspuren oberhalb der Kendlersiedlung am Jochberg, rechts oben ist der Kohlerhof zu sehen. (Foto: Bauregger)

Schneizlreuth – Wie geht es weiter mit den Engerlingen am Jochberg und in Ristfeucht? Die Situation hat sich für die Nebenerwerbslandwirte dort drastisch verschlimmert: Nach dem Kahlfraß durch die Larven, haben Starkregenfälle in der jüngsten Zeit die Böden in der Steillage stark erodiert. Inzwischen ist eine Fläche von rund 40 Hektar betroffen.


Doch jetzt soll es für die betroffenen Landwirte Abhilfe geben. Laut Aussage von Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber soll jetzt die sogenannte Pilzgerste zum Einsatz kommen.

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Bei einer Expertenrunde mit der Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber und den vom Engerlingsbefall betroffenen Nebenerwerbsbauern am Kohlerhof am Jochberg in Schneizlreuth wurde dies bekannt. Mit dabei waren auch Fachreferent und Koordinator Konrad Koch, Landrat Georg Grabner, die Bürgermeister Wolfgang Simon und Heinrich Steyerer, Vertreter des AELF Traunstein. In der Sache ging es um das weitere Vorgehen zur Bekämpfung der Engerlinge und um Sofortmaßnahmen zur Eindämmung der steigenden Erosionsgefahr.

Ministerin Kaniber stellte klar, dass am Jochberg eine akute Gefahr bestehe. Über die Ausmaße und die extreme Entwicklung sei auch sie äußerst beunruhigt. Vordringlich gehe es darum, eine Naturkatastrophe zu verhindern. Dazu gehöre auch die beantragte Notfallzulassung der Pilzgerste, die nun am Dienstag vom Bundesamt für Verbraucherschutz (BVL) und Lebensmittelsicherheit auch erteilt wurde.

Die Kosten für den Einsatz der Pilzgerste, die sich laut Staatsministerium auf rund 56.000 Euro belaufen, werden vom Freistaat übernommen. Bevor die mit dem Pilz infizierte Gerste in den Boden eingebracht werden kann, werden die Landwirte angehört, um zu klären, wer mitmacht. Eine Auflage des BVL ist zudem ein Monitoring zum Trinkwasserschutz.

»Wir haben das Ausmaß nicht kommen sehen«

Dass in der Vergangenheit zu wenig getan wurde, betont Bürgermeister Simon gegenüber dem Traunsteiner Tagblatt: »Das Problem ist gewachsen, in diesem Ausmaß haben wir es nicht kommen sehen.« Die Bauern hätten bereits vergangenes Jahr im Herbst bei verschiedenen staatlichen Stellen, auch beim Landwirtschaftsministerium, um Hilfe gebeten, doch da habe man, so Simon, aus seiner Sicht ebenfalls nicht angemessen reagiert. Jetzt sei er froh, dass Bewegung in die Sache komme.

Laut Simon gebe es keine Hinweise, dass die Ausbringung der Pilzgerste Probleme für das Grundwasser darstellt. Diese Frage hatte sich bei dem Expertentreffen gestellt, da im Jochberggebiet Quellen vorkommen. »Seitens des Gesundheitsamts wurde mir gesagt, dass der Pilz auch am Jochberg natürlich im Boden vorkomme, und daher keine Probleme zu erwarten sind, eben sowenig mit den verwesten Engerlinglarven«, bestätigt Bürgermeister Simon unserer Zeitung.

Die Bekämpfung der Engerlinge ist die eine Sache, doch wie geht man gegen die Bodenerosion vor? Das müsse nun erst bewertet und festgelegt werden, da die Handlungsempfehlungen des Erosionsspezialisten von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) Florian Ebertseder erst eingegangen seien, hieß es bei dem Ortstermin.

Der erfahrene Gutachter Georg Auer gab in Bezug auf die Zukunftsperspektiven für die Bauern zu Bedenken, dass die mit einem Netz abzusichernden Flächen möglichst gering gehalten werden sollten, da eine Bewirtschaftung in den nächsten sechs bis sieben Jahren dort nicht mehr möglich sein werde. In jedem Fall sei es umgehend notwendig, die Vernetzungsflächen zu definieren und die Anordnung zum Verbau, mit Festlegung des Kostenträgers per Bescheid zu erlassen. Gleiches sei auch in Bezug auf den Einsatz von Mineraldünger und die Ausbringung einer teuren Grassamenmischung geboten.

Ungeklärt ist in diesem Punkt bisher auch die Kostenfrage. Bürgermeister Simon schätzt, dass für die Schutznetze – etwa mit samen bestückte Netze aus Jute – ein höherer sechsstelliger Betrag anfällt. »Die günstigste Variante kostet rund 1,50 Euro pro Quadratmeter, und wir sprechen von einer Fläche zehn Hektar plus x, die eventuell mit Netzen versehen werden muss.«

Für Kosten ist Gemeinde Schneizlreuth zuständig

Landrat Georg Grabner erklärte noch einmal die Zuständigkeiten aus Sicht des Landratsamts. Demnach sind in Bezug auf das Sicherheitsrecht in erster Linie die Grundbesitzer haftbar und für die Kosten der notwendig werdenden Notmaßnahmen sei die Gemeinde Schneizlreuth in der Pflicht. Die bestätigte das Landratsamt auf Nachfrage nochmals. »Es haftet der Eigentümer, dennoch wollen wir die Leute nicht mit dem Problem alleine lassen«, sagte ein Sprecher gegenüber unserer Zeitung. Ein Katastrophenfall könne nur ausgerufen werden, wenn die Situation von den Kräften vor Ort nicht mehr beherrschbar sei. »Uns wurde gesagt, dass der Fall keine überregionale Wirkung habe, und damit nicht als Katastrophenfall eingestuft werden kann«, sagt Bürgermeister Simon mit Unverständnis über diese Einschätzung.

Auch zur Finanzierung oder Mitfinanzierung der Kosten für teures Saatgut seien im Landkreishaushalt keine Mittel verfügbar. Grabner könne sich aber als Landrat vorstellen, eine Spendenaktion anzustoßen und bei der Bundeswehr um Hilfskräfte anzufragen. Bezüglich des Bodenschutzrechts müssten Maßnahmen eventuell von Amts wegen angeordnet werden.

Aus Sicht von Bürgermeister Simon muss auch dringend geklärt werden, ob die Bauern nach wie vor in der Haftung für Schäden stehen, obwohl ihnen aus Sicht aller bisher beteiligter Experten kein Fehlverhalten bei der Bewirtschaftung und der Pflege der Wiesenflächen angelastet werden könne. Auch die Engerlingsplage sei nicht von ihnen verursacht worden.

Eine weitere, ausgedehnte Diskussion gab es über die dringend erforderlichen Sofortmaßnahmen zum Schutz weiterer Erosion. Hier empfahlen der Erosionsexperte Florian Ebertseder, wie auch der von der Gemeinde beauftragte Geologe Dr. Stefan Kellerbauer, zu versuchen, die Flächen möglichst schnell wieder zu begrünen, um ein weiteres Abschwemmen der Humusschicht zu verhindern. vew/wb