weather-image
29°

Neu vermessen und immer mehr fremdbestimmt?

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Während sich Doris Henle aus Eichstätt in ihrem »Avatar« (Mitte) mit virtuellen Menschenbildern beschäftigt, fasziniert Waltraud Beysiegel aus München in ihren dynamischen Kohlezeichnungen mit der Metamorphose menschlicher Körper. (Foto: Effner)

Mit der Eroberung des öffentlichen Raums als interaktive Präsentationsfläche hat der Kunstverein Traunstein in seiner jurierten Offenen Jahresausstellung in der Vergangenheit die Messlatte für qualitätvolle Arbeiten in immer neue Höhen geschraubt.


Nach den faszinierenden Wechselwirkungen in zwei Traunsteiner Kirchen, unter den Arkaden und weiteren künstlerischen »Hotspots« im Stadtbild sorgten im vergangenen Jahr die »Feldversuche« im umgewidmeten »Supermarkt der Kunst« im Zentrum von Chieming für großen Besucherandrang und überregionales Aufsehen. Mit der aktuellen Präsentation im Prälaten- und Fürstenstock der Burg in Tittmoning unterstreicht die Jahresausstellung des Kunstvereins Traunstein heuer erneut ihr grenzüberschreitendes Format.

Anzeige

Das gilt zum einen für die Qualität und Vielfalt der 90 ausgewählten Arbeiten von 71 Künstlern, die Malerei, Grafik, Plastik, Fotografie, Videokunst bis hin zu Installationen und Performance umfassen. Zum anderen nehmen den Besucher auch die bildnerischen, gesellschaftskritischen oder materialästhetischen Ansätze gefangen, mit denen die Kunstschaffenden ihren Beitrag zum Thema »bodyscan – Körper der Gesellschaft« umgesetzt haben. Anreisen bis aus Leipzig, Heidelberg oder Solingen nahmen einzelne Teilnehmer in Kauf, um mit dabei zu sein.

Wie Herbert Stahl, Vorsitzender des Kunstvereins, in seiner Eröffnungsrede hervorhob, war ursprünglich geplant gewesen, die Ausstellung im neuen Kulturforum Klosterkirche in Traunstein zu präsentieren. Da der Südflügel jedoch noch nicht fertig ist, kam über Vermittlung des ehemaligen Kulturdezernenten Josef Wittmann die Burg Tittmoning als alternativer Ausstellungsort ins Spiel.

Gerade nach dem coronabedingten Shutdown, der auch das Kulturleben auf Null zurückgefahren hat, war der Hunger der rund 200 Besucher nach der lebendigen Auseinandersetzung mit Kunst und Künstlern, Diskussionen und Gesprächen deutlich zu spüren. Passend zu den Grußworten von Stahl und den beiden neuen Stadtoberhäuptern von Traunstein und Tittmoning, Dr. Christian Hümmer und Andreas Bratzdrum, thematisierte der Künstler Helmut Mühlbacher zusammen mit Mitgliedern der Theaterwerkstatt Traunstein die Systemrelevanz der Kunst in einer Performance. Auf den Boden genagelte, grüne Fußabdrücke und irritierende Zwischenrufe konfrontierten die Anwesenden mit Abstandsregelungen und Achtsamkeit, Körperbewusstsein und Massenmanipulation im »Corona-Zeitalter«.

Dass die klar ordnende Hand der erfahrenen Jury der Jahresausstellung gutgetan hat, wird beim Gang durch die so reizvollen wie schwierigen, historischen Räume deutlich. Herbert Stahl und Judith Bader von der Städtischen Galerie haben hier zusammen mit Klaus Ballerstedt und Samuel Rachl mit Hilfe durchdachter Themenräume und intelligenter Kombinationen für Übersichtlichkeit und Intensität gesorgt. Das Wechselspiel reicht dabei von einem Laboratorium für menschliche Experimente über abstrakte Variationen bis hin zu leuchtenden »Farbräumen«.

Gleich im ersten Raum des Prälatenstocks hält Jutta Mayr dem Kunstfreund in ihrer »Irritation« den Spiegel vor. In bläuliches Licht getaucht, wirft der geheimnisvoll und starr in einem schreinähnlichen Durchgang thronende »Avatar« von Doris Henle Fragen nach virtuellen Menschenbildern im Computerzeitalter auf. So kontrastreich wie virtuos umrahmt wird er dabei von großformatigen Kohlezeichnungen von Waltraud Beysiegel. Sie zeigen dynamische Momentaufnahmen von Metamorphosen des menschlichen Körpers.

Einfallsreichtum lassen auch die beiden eingeladenen, jungen Kunstabsolventinnen erkennen. Alina Schweizer aus München experimentiert mit verfremdet übermalten Handy-Selfies. Kay Yoon aus Leipzig durch-leuchtet das Wechselspiel von Videokunst und neuen Selbst- bzw. Menschenbildern. Mit Gipsmasken und verzerrt arrangierten Fotoporträts spürt wiederum eine Kunstklasse des Annette-Kolb-Gymnasiums aus Traunstein dem Menschsein nach.

Beim Durchschreiten der Räume drängt sich immer wieder die Frage auf, welchen Einfluss visuelle Medien und die zunehmende Virtualisierung der Wirklichkeit auf die Wahrnehmung und das Bild vom Körper haben. Oder weiter gefasst: Inwiefern werden die physischen Zugriffe auf die immer minutiöser vermessenen Körper von Lebewesen massiver und prägen sich zusammen mit veränderten Wertvorstellungen und Lebensbedingungen Körper und Bewusstsein gleichermaßen ein?

Eine Vielzahl inspirierender Antworten findet man beim Besuch der Ausstellung auf der Burg in Tittmoning. Sie ist bis 2. August, jeweils Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Axel Effner