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Neue faszinierende Blickwinkel

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Eines der unbenannten Bilder von Alessia von Mallinckrodt, auf dem ihr Spiel mit Architektur und Natur besonders gut zum Ausdruck kommt.

Eine ganz besondere Ausstellung ist in der CHIEMSEEBRUCKgalerie eröffnet worden. Alessia von Mallinckrodt zeigt einen Querschnitt ihres Schaffens aus den vergangenen etwa 20 Jahren und spannt damit einen Bogen von Zeichnung und Malerei bis zu Skulpturen und Installation.


Ihr künstlerisches Schaffen wird bestimmt von ihrer tiefen Liebe zur Natur. Immer wieder tauchen Bäume, Steine, Pflanzen, kleine Tiere oder Knochen in ihren Arbeiten auf. In einer Vitrine sind einige dieser Sammelstücke in kleinen Parzellen zu sehen, Pflanzensamen, Insekten, kleine Olivenbaumäste, sogar ein Spatzenhirn. Gleich im ersten Raum fällt die Installation aus Chiemseesteinen ins Auge – eine Reminiszenz an Alessias geliebte Großmutter Christa, die am Chiemsee immer besonders schöne Steine sammelte.

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Wirkliche Steine sind es hier aber nur auf den ersten Blick, denn tatsächlich sind es in Ton abgeformte, innen hohle Abgüsse aus Porzellan. Eine Arbeitsweise, die sie auch bei den ausgestellten Knochen, zum Beispiel bei den selbst gefundenen Walfischknochen oder Geweihen, verwendet, die auf diese Weise künstlerisch überhöht und veredelt werden.

Tief verwurzelt scheint Alessia von Mallinckrodt aber auch in der Großstadt und den Strukturen des städtischen Lebens zu sein. Besonders fasziniert ist sie von architektonischen Gebilden mit konstruktiven Elementen, zum Beispiel dem »Electrical Tower«, Hochspannungsmasten, Zäunen, Feuerschutztreppen und immer wieder Baugerüsten. Gerade Linien, rechte und schräge Winkel und baugerüstartige Elemente tauchen nicht nur in den mit schwarzer Tusche gemalten Bildern auf, sondern auch in Zeichnungen, in denen gleichzeitig die Fragilität der Natur eine entscheidende Rolle spielt. So findet sich die Konstruktion auch in der zarten Verästelung eines Libellenflügels (»Ibelle«), den die Künstlerin in meditativer Versenkung mit weißer, verdünnter Acrylfarbe unzählige Male auf eine kreisrunde Holzscheibe ge-malt hat.

Ihre Liebe zur Natur spiegelt sich auch in den erst kürzlich entstandenen, großen Tafelbildern. Dafür projizierte sie Bilder von Bäumen, Gräsern oder Zweigen auf Holztafeln, deren braune Farbe mit dem Schwarz oder Weiß der Pflanzen und des Blattwerks kontrastiert. Die spezifische Struktur des Untergrunds, die Maserung des Holzes, tritt dabei in einen Dialog mit der Zeichnung. Das zweiteilige Tafelbild »5 a.m. Nightingale« zeigt eine Art Fachwerkhaus im Baum und einen kleinen Singvogel im wie Dornengestrüpp wirkenden Geäst. Die Uhrzeit, fünf Uhr morgens, gibt die Zeit an, als das Bild fertig war.

Alessia von Mallinckrodt wurde 1972 in Rom geboren, besuchte die Volksschule in New York und lebte auch viele Jahre in Afrika, da ihr Vater bei den Vereinten Nationen arbeitete und die Familie deshalb häufig die Wohnorte wechselte. Die Ferien aber verbrachte Alessia häufig am Chiemsee bei der Großmutter. Die entscheidenden Jahre für ihre künstlerische Laufbahn erlebte sie in New York. Hier absolvierte sie 1994 den Bachelor of Fine Arts an der Rhode Island School of Design in Providence und 1999 den Master of Fine Arts am Hunter College in New York. Später war sie auch Meisterschülerin bei Professor Gerd Winner an der Akademie der Bildenden Künste in München.

Besonders wichtig für ihre künstlerische Entwicklung war das Jahr 2000, als sie nach ihrem Masterabschluss als Artist in Residence am Hunter College arbeiten durfte. Dort entstanden damals alle ihre Tonarbeiten. Sie stellte ihre Arbeiten bereits in vielen Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen aus, so in New York, Rom, London, Miami, Venedig, Berlin, aber auch in der Region, so zum Beispiel 2008 in der Klosterkirche in Traunstein.

Eine Grundidee in den Arbeiten von Alessia von Mallinckrodt ist die Gegenüberstellung und Integration von Natur und Architektur. »Architektonisches findet sich ja bereits im Wald, im Gebirge, im Himmel mit Kondensstreifen und im Wasser, in das ein Stein fällt und sich vergrößernde, konzentrische und kreisförmige Grundrisse erzeugt«, sagt sie selbst.

In allen Arbeiten der Künstlerin ist die Farbe stark reduziert. Überwiegend verwendet sie weiß, schwarz und alle Grautöne, vor allem um den Fokus auf die Form der Objekte zu lenken, auf Zeichnung und Linien. »Ich brauche keine Farbe, um das Schöne auszudrücken«, sagt die Künstlerin. Denn überall geht es ihr auch darum, den Blick auf die Schönheit der anscheinend un-wichtigen Dinge um uns herum zu lenken. Wie ein Kind Sachen neu entdeckt, so möchte sie auch dem Betrachter neue, tiefere Blickwinkel auf seine unmittelbare Umgebung eröffnen.

Durch die hoch sensible, feine Art der Zeichnung wird der Betrachter gezwungen, genau hinzusehen – »der Sehprozess wird zu einem beinahe kulinarischen visuellen Prozess«, drückte es der Vorsitzende des Kunstvereins, Herbert Stahl, in seiner kompetenten und einfühlsamen Einführungsrede bei der sehr gut besuchten Ver-nissage aus.

Die Ausstellung in der CHIEMSEEBRUCKgalerie an der Pullacher Straße in Seebruck ist bis 27. Juli montags bis donnerstags von 14 bis 17 Uhr zu sehen und am Freitag, Samstag und Sonntag von 16 bis 19 Uhr. Christiane Giesen