Neue Heimat Knittelhorn für Wally und Bavaria

Neue Heimat Knittelhorn für Wally und Bavaria
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Alle Aktionen in der Auswilderungsnische können per Webcam mitverfolgt werden. Foto: LBV / Screenshot: Ulli Kastner

Ramsau – Wally und Bavaria sind sicherlich froh, dass sie den gestrigen Tag gut überstanden haben. Die beiden 89 und 92 Tage alten Bartgeier-Weibchen schauen jetzt von ihrem einsamen Plätzchen in den Wänden des Knittelhorns ins Tal hinab und hoffen, dass sie bis Ende Juni, wenn sie die Auswilderungsnische verlassen sollten, gut versorgt werden. Der große Festakt am Donnerstag mit zwei Ministern, Dutzenden von Presseleuten, Naturschützern sowie Ehren- und Zaungästen rund um das Klausbachhaus war sicherlich nicht nach dem Geschmack der beiden Vögel. Aber vielleicht spüren sie auch ein wenig die Verantwortung, die man ihnen auferlegt hat. Denn sie sollen einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass der Bartgeier – wie es bis zu seiner Ausrottung vor 100 Jahren der Fall war  – auch im heutigen Nationalpark Berchtesgaden wieder auf Dauer heimisch werden soll.


So einen Medienrummel hatte es in den letzten Jahren nur bei der Schneekatastrophe und beim Höhlenunfall im »Riesending« gegeben. Neben dem bayerischen Umweltminister Thorsten Glauber mit seinem Amtschef Dr. Christian Barth und Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber waren auch Landrat Bernhard Kern und weitere Kommunalpolitiker aus dem Berchtesgadener Land sowie vor allem zahlreiche Mitarbeiter des Nationalparks Berchtesgaden und vom Landesbund für Vogelschutz sowie der Vulture Conservations Foundation (VCF) in Andalusien/Spanien gekommen. Die drei letztgenannten Organisationen zeichnen für das Bartgeier-Projekt verantwortlich.

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Schließung einer Lücke

Einig waren sich alle Redner an diesem Tag, dass dieses Auswilderungsprojekt von großer Bedeutung sei. Denn das Tier ist vor rund 100 Jahren, wie im gesamten Alpenraum, auch im heutigen Nationalpark Berchtesgaden ausgerottet worden. Bis zu 300 von ihnen ziehen mittlerweile in den Alpen ihre Kreise, doch im Berchtesgadener Raum und Umgebung klafft noch eine Lücke. Die soll nun mit dem Auswilderungsprojekt geschlossen werden.

Die Leitung des Projekts liegt in den Händen von Uli Brendel und Jochen Grab vom Nationalpark Berchtesgaden. Die sind seit Jahren zusammen mit mit ihren Mitarbeitern und dem Landesbund für Vogelschutz, den vor Ort Kreisgruppenvorsitzender Toni Wegscheider vertritt, mit den Vorbereitungsarbeiten beschäftigt.

Geboren sind die beiden Geierdamen in Andalusien, genauer gesagt in einer Zuchtstation der Vulture Conservations Foundation (VCF), wo sie jeweils von einem Zuchtpaar ohne menschliche Einflussnahme großgezogen wurden. Kürzlich kamen sie dann in einem klimatisierten Spezialfahrzeug für Tiertransporte in die Quarantänestation des Tiergartens der Stadt Nürnberg in Schwaig, wo sie beringt, markiert und besendert wurden.

100 Meter Fixseil

Parallel sorgten Ranger des Nationalparks und LBV-Experten dafür, dass sich die beiden Neubewohner in den Westabstürzen des Knittelhorns wohl fühlen können. Sie bereiteten in einer Nische hoch über der Halsalm zwei bequeme Plätze für die Tiere vor, sicherten das Gelände außerdem mit einem einen Meter hohen Zaun aus Hasendraht. Das bewahrt die Tiere zum einen vor dem Absturz, zum anderen vor Feinden aus der Tierwelt. Über 100 Meter Fixseil mussten die Experten unter den Rangern auf den letzten Höhenmetern verlegen, damit der Auf- und Abstieg jeweils sicher bewältigt werden kann. Denn die Bartgeier müssen rund zwei Monate lang, bis sie flügge sind, etwa alle zwei Tage mit Nahrung, in erster Linie Knochen, versorgt werden.

Auch einiges an Technik ist rund um die Auswilderungsnische angebracht. Eine Solarzelle soll die installierte Webkamera mit Strom versorgen. Interessierte können sich nämlich das Geschehen dort oben im Internet live ansehen.

Bevor die Ranger die beiden Tiere in großen Holzkisten (insgesamt 26 Kilogramm) an ihren künftigen Wohnort brachten, gab es beim Festakt aber noch einiges zu klären. So gab man die Namen der beiden Bartgeierdamen bekannt. Eva Graf aus der sechsten Klasse des Gymnasiums Berchtesgaden hatte den Namen Bavaria vorgeschlagen und bekam den Zuschlag. Für den Namen Wally der zweiten Geierdame waren dagegen die Leserinnen und Leser der »Süddeutschen Zeitung« zuständig.

Projekt geht über zehn Jahre

Sichergestellt wurde beim Festakt auch, dass das Projekt fortgeführt wird. LBV-Vorsitzender Dr. Norbert Schäffer erhielt für seinen Verband aus den Händen von Umweltminister Thorsten Glauber einen Scheck in Höhe von rund 610  000 Euro. Schließlich geht man davon aus, dass man mindestens zehn Jahre lang jährlich zwei bis drei weitere Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden aussetzen wird. Es werde lange dauern, bis der Bartgeier hier auf Dauer wieder seine Heimat hat, betonte Dr. Schäffer. Nun hofft man erst einmal, dass die beiden am Donnerstag ausgewilderten Geierdamen nach einer sechs- oder siebenjährigen Alpenerkundung zum Brüten wieder in den Nationalpark Berchtesgaden zurückkommen. Staatsminister Glauber machte schon einmal Lust darauf: »Man muss sich einmal dieses imposante Bild vorstellen, wenn so ein stolzes Tier hoch über dem Königssee fliegt«.

Ein Teil der Festgäste wollte die Trägergruppe, die die Tiere am Donnerstag in ihre Nische brachte, nach dem Festakt noch bis zur Halsgrube begleiten. Die letzte Strecke war eine rund zehnköpfige Expertengruppe dann unter sich. Den Rangern Wolfgang Palzer und Franz Eder gebührte als besonders geländegängige Ramsauer dann die schweißtreibende Ehre, die Geier die letzten steilen Meter bis zur Nische zu transportieren. Dort haben die Tiere nun beste Chancen auf ein glückliches Leben in Freiheit. Mit einer Überlebensrate von 88 Prozent im ersten beziehungsweise 96 Prozent im zweiten Lebensjahr ist diese sogenannte »Hacking«-Methode der Auswilderung besonders erfolgreich.

Der Bartgeier, früher auch Lämmergeier genannt, ist mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern der größte Vogel der Alpen. Seine Nahrung besteht zu 70 bis 90 Prozent aus Knochen, sonst Aas. Der Magen besteht aus einem dehnbaren Schlauch, in seiner Wandung sitzen Zellen, die praktisch reine Salzsäure produzieren. Das ermöglicht die Verdauung der Knochen. Die Lebenserwartung des Tiere liegt bei über 40 Jahren.

Ulli Kastner

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