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Neuer Fall, altes Muster: Löw sieht US-Trip «extrem positiv»

Washington (dpa) - Der letzte Eindruck bleibt. Wieder gehen Joachim Löw und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit einer Niederlage in die Ferien.

Standpunkt
Joachim Löw zog eine positive Bilanz der USA-Reise. Foto: Thomas Eisenhuth Foto: dpa

Zwar ist das höfliche 3:4-Geschenk der DFB-Elf zum 100. Jubiläum des US-Fußball-Verbandes keinesfalls mit dem bitteren EM-Halbfinal-Aus vor einem Jahr gegen Italien vergleichbar. Und natürlich fehlten dem Bundestrainer mehr als ein Dutzend seiner Stammkräfte in der Übersee-Reisegruppe. Doch auch nach dieser Saison werden Fragen die Sommerpause begleiten.

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Haben sich Löw und sein Team nach der EM-Enttäuschung weiterentwickelt? Sind die richtigen Lehren gezogen worden? Ist die Mannschaft schon besser eingestellt auf mögliche Widrigkeiten bei der Titelmission in Brasilien?

«Extrem positiv» beurteilt Löw unabhängig vom verlorenen Prestigeduell gegen seinen ehemaligen Chef Jürgen Klinsmann die USA-Tour, deren Vorzeichen alles andere als gut waren: «Nach der Abwesenheit von einigen Hauptakteuren hatte ich die Richtigen dabei.» Und auch die gesamte Spielzeit mit insgesamt sieben Siegen, zwei Remis und zwei Niederlagen stufte der Bundestrainer vor der schnellen Abreise aus Washington als gelungen ein. «Da sind wir absolut im Soll. Wir stehen in der WM-Qualifikation gut da. Wir werden im September und Oktober in die entscheidende Phase gehen. Was das betrifft, war die Saison sehr zufriedenstellend», meinte Löw vor dem Rückflug nach München.

Allerdings vermittelten Trainer und Spieler auch 2012/13 immer mal wieder den Eindruck, das die ganz große Sicherheit noch nicht eingezogen ist - siehe den verspielten 4:0-Vorsprung im Qualifikationsmatch gegen Schweden oder das erzitterte 2:1 in Österreich. Und auch das, was vor 47 359 Zuschauern im altehrwürdigen Robert F. Kennedy Memorial Stadium von Washington passierte, erinnerte unabhängig von der völlig neuen Teambesetzung an alte Strickmuster unter der nun siebenjährigen Regie von Löw.

Schon gegen Argentinien (1:3) und Schweden (4:4) hatte es viele Gegentore gegeben, gerade in der Abwehr fahndet der Trainer weiter nach der Ideallösung. «Es gab viele Wechsel, nur zwei Trainingseinheiten vor diesem Spiel. Dass da Fehler passieren, ist klar», sagte Löw zum jüngsten «Fall» gegen die USA. «Für unsere Ansprüche war das zu wenig», urteilte dagegen Neuling Max Kruse, der sich als kleiner Gewinner fühlen darf. «Er hat mich in den Spielen und auch im Training schon überzeugt», verriet Löw.

Der Bundestrainer hatte es mit einem Trainings-Crashkurs über eine Woche geschafft, seinem Verlegenheitskader die Philosophie, Taktik und das Wir-Gefühl einzuimpfen, um den Weltranglisten-Zehnten Ecuador mit 4:2 zu überrennen. In Washington verzichtete Löw auf die mühsam gepaukten Automatismen, versetzte den starken René Adler auf die Bank sowie Stabilisator Lars Bender auf die rechte Abwehrseite und opferte eine funktionierende Organisation für weitere Experimente.

«Uns fehlte die Kompaktheit», gestand der Dortmunder Sven Bender, der wie auch ein ebenfalls nachgereister Miroslav Klose dem zusammengewürfelten Team bei extremen Bedingungen nicht viel helfen konnte. Der «ewige» Klose lief seinem 68. Tor im DFB-Trikot, mit dem er den Rekord von Gerd Müller eingestellt hätte, vergeblich hinterher. «Wir hatten nicht genug Ballbesitz und nicht die gewohnte Laufbereitschaft», sagte der Torjäger.

Bedauern wollte Löw seine fünf Umstellungen nicht: «Es war klar, dass einige Wechsel stattfinden würden. Weil ich nicht das Ergebnis in den absoluten Vordergrund gerückt habe», meinte der Bundestrainer. «Bei diesen Testspielen probiere ich gern was aus», wiederholte Löw sein Credo. 37 Spieler setzte er in der abgelaufenen Spielzeit ein. Die Saison-Rangliste, die von EM-Reservist Per Mertesacker mit 765 Minuten angeführt wird, verdeutlicht auch die Entwicklungen innerhalb des Nationalteams. Die Dortmunder Marco Reus und Marcel Schmelzer sind in die Top Ten aufgerückt; der Münchner Mario Gomez durfte insgesamt nur 56 Minuten mitmachen.

Die internationalen Erfolge der BVB- und Bayern-Spieler in dieser Saison sind für Löws Mannschaft wohl der größte Entwicklungsschritt. Mit der Offensiv-Spitze Mario Götze hat der Cheftrainer zudem eine neue Option auch für die WM getestet und für gut befunden. In den kommenden zwölf Monaten muss der 53-Jährige nun aus dem unumstritten hochwertigen Kader, «um den uns die ganze Welt beneidet» (Klinsmann), ein optimales Team formen. Ob er dies über weitere Experimente stellt, wird sich schon beim nächsten Freundschaftsspiel am 14. August in Kaiserslautern gegen Paraguay zeigen.

Dann wird Marc André ter Stegen aller Voraussicht nach nicht dabei sein, da in Manuel Neuer die Nummer 1 zurückkehrt und Adler in den USA seine Position als Nummer 2 deutlich untermauert hat. Das Ende seiner Auswahl-Karriere aber soll der unglückliche Auftritt des jungen Gladbachers (21) auch noch nicht sein. «Blödsinn», antwortet Bundestorwartcoach Andreas Köpke auf eine entsprechende Nachfrage: «Wir werden so einen jungen Torwart, der so ein Potenzial hat, nicht fallen lassen.»

Die insgesamt zwölf Gegentore in drei Länderspielen sind für ter Stegen allerdings erst einmal eine Hypothek. «Da fühlt man einfach nur mit dem Kerl. Da wünschst du dem Torwart nur: Jetzt vergiss es so schnell wie möglich», spendete selbst USA-Chefcoach Klinsmann Trost, den ter Stegen aber gar nicht haben wollte. «Mir braucht keiner auf die Schulter oder den Hinterkopf zu klopfen. Ich weiß, was passiert ist», meinte der Keeper.