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Neuer Wein in alten Schläuchen

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Zwei schallende Ohrfeigen handelt sich der römische Diktator Lucio Silla ein. Die eine von seiner Schwester, weil der notgeile Knabe auch ihr gegenüber seine Hände nicht in Zaum halten kann und an ihr herumfingert. Die andere von Giunia, hinter der er eigentlich her ist.


Eine hoffnungslose Angelegenheit bekanntlich. Schließlich ist Lucio Silla der Mörder von Giunias Vater. Entsprechend hoch ist der Hass-Pegel, der ihm vom der jungen Dame entgegenschlägt. Aber der Diktator glaubt eben, auch mit der Seele seiner Untergebenen nach Belieben schalten und walten zu können. Ein Trugschluss, denn wir sind erstens (ideologisch) in der Zeit der Aufklärung und zweitens (musikalisch) in der Hoch-Zeit des Sturmes und Dranges. Nur in der Form noch im Barock: »Lucio Silla« ist eine Opera seria, vom 15j-ährigen Mozart geschrieben

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Am Ende fügt sich der geläuterte Despot willig darein, dass er nichts ausrichten kann gegen die Naturkräfte der Liebe. Allseits heftige Gefühle jedenfalls, die in der Mozartwochen-Produktion im Salzburger Haus für Mozart zuerst einmal aus dem Orchestergraben aufsteigen, von den ersten trompetenschmetternden und fagottschnarrenden Akkorden der Ouvertüre weg. Marc Minkowski und die Musiciens du Louvre lassen da keine Sekunde Zweifel, dass musikalisch längst eine andere Ära angebrochen ist. Was wir auf der Bühne sehen, ist Seria-Hülle von gestern, Aufsässigkeit von heute und Bekenntnismusik von morgen. Ein saftiges Gebräu, mit Ur-Energie an- und aufgerührt. Aber Minkowski weiß auch zu beruhigen, den Schaum der Emotion abzuschöpfen und den Blick freizulegen auf die lyrischen Qualitäten.

Eine Pointe: Dass Lucio Silla allzuschnell einlenkt zum Finale hin, dass seine Wandlung zum gütigen Nachgeber eigentlich nicht ausgeführt wird in Text und Musik, ist ein dramaturgisches Manko des Werks. Da steuert Marc Minkowski gegen, indem er eine Arie von Johann Christian Bach einschiebt. Die Hydraulik hebt das Orchester hoch, die Solobläser – Oboe, Fagott und Horn (Originalinstrumente natürlich) – machen sich auf in Richtung Rampe, und Lucio Lilla, in dem Moment ein singender Partner in einem ausgedehnten »Concertante-Satz«, sucht im Bühnenvordergrund ihre Nähe, ja er streift dann sogar mal singend durchs Orchester. Ein großer Moment für Rolando Villazón, der sich sichtlich sängerisch wohl fühlt in dieser seiner ersten Salzburger Mozart-Hauptrolle. Mit sonorer, in Mittellage und Tiefe dunkler und gefestigter gewordener Stimme, mit diszipliniert geführten Koloraturen, aber immer noch mit einem gerüttelt Maß an lausbübisch-manierierter Gestaltung überzeugt er als Lucio Silla. Die halsbrecherische Kadenz muss einer auch so erst hinkriegen.

Eine wunderbare Gruppe von jungen, unverbrauchten, einsatzwilligen und koloraturengewandten Sängerinnen um ihn herum: Olga Peretyatko ist eine Giunia, die ihren Hass auf Lucio Silla genau so glaubwürdig hinausschleudert wie Liebe und Verzweiflung gegenüber ihrem Verlobten Cecilio. In der Hosenrolle trifft die Mezzosopranistin Marianne Crebassa mit geschmeidigen Tiefen und lichter, mit der Partnerin verschmelzenden höherer Lage genau das rechte Gegengewicht. Die junge Lettin Inga Kalna setzt eher auf Klangfarben-Splitting in den Lagen, auf exzessiv eingefärbte, aber brillante Koloraturen. Schließlich Eva Liebau in der Rolle der Despoten-Schwester Celia, nicht minder gewandt in den halsbrecherischen Fiorituren der Partie.

Mark Minkowski dreht an der Emotionsschraube und er ist keiner, der bei den Tempi nachgäbe. Und doch findet jede Sängerin ihre Atem-Punkte. Der generell hohe Deckungsgrad aus sängerischer und instrumentaler Artikulation in dieser Aufführung spricht für gediegene Vorbereitung. Der Bach-Chor macht, links und rechts im Zuschauerraum postiert, in der Grab-Szene gehörig Effekt.

Antoine Fontaine hat ein altmodisch-barockes Allerwelts-Bühnenbild geschaffen, und darin geht's sagenhaft uraltmodisch zu. Regisseur Marshall Pynkoski kommt vom Tanz her. Und er bemüht sich um ein Gestenvokabular, das in der Opera seria vielleicht wirklich so oder so ähnlich ausgesehen hat. Historische Rekonstruktion absonderlichster Art? Unentwegtes Händeringen jedenfalls, allgemeines Herumrennen und Zu-Boden-Sinken. Nicht nur Lucio Silla ist im Dauerlauf unterwegs im alten Rom, das von einer Veitstanz-Epidemie geplagt wird.

Das schrammt oft an der und über die Grenze zur Lächerlichkeit. Es spiegelt zugleich die latente Binnen-Spannung in dieser Zeitenwende-Oper, die Diskrepanz zwischen überkommener Form und damals hochbrisantem (gesellschafts-)politischem Denken. Neuer Wein in alten Schläuchen. Nehmen wir an, dass uns der Regisseur und seine Choreographin Jeanette Lajeunesse Zingg tatsächlich genau in diesen Zwiespalt hineinziehen wollen – und sie nicht nur ungeschickte Spätbarock-Bebilderer sind.

Dafür, dass die Sache in diese Richtung weisen will, spricht der Wechsel auch im Bewegungsrepertoire: Das wüste Gestikulieren vor der Pause wird dann, wenn die aufrichtigen Gefühlswelten auch musikalisch sich Bahn brechen, deutlich zurückgenommen. Und im Finale bleibt die ganze Angelegenheit mehr oder weniger Standbild: Die Gesellschaft wirkt starr vor Verwunderung, vielleicht gar vor Schrecken. Sie war damals noch nicht so weit, mit der neuen Sicht auf die Dinge umgehen zu können.

Eine weitere Aufführung gibt es am 1. Februar um 19 Uhr im Haus für Mozart. Im Sommer ist die Koproduktion mit den Festspielen ab 27. Juli im Programm. Reinhard Kriechbaum