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Neun Jahre Haft wegen versuchten Mords

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Der 26-Jährige nahm den Tod von zehn Bewohnern billigend in Kauf.

Traunstein – Neun Jahre hinter Gitter muss ein 26-jähriger Bosnier, der in der Nacht auf den 14. Juni 2018 in Rosenheim in einem Gebäude mit vielen kleinen Zimmern zwei Brände gelegt hatte. Das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verurteilte den geständigen Täter wegen versuchten heimtückischen Mords und versuchter Brandstiftung mit Todesfolge, jeweils in zehn Fällen, sowie wegen schwerer Brandstiftung. Damit blieb die Kammer vier Jahre unter der Forderung von Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner und ein Jahr über dem Antrag des Verteidigers, Harald Baumgärtl aus Rosenheim, der auf nicht mehr als acht Jahre Freiheitsstrafe plädiert hatte.


Der Mann aus Bosnien-Herzegowina war im Mai 2018 nach Deutschland eingereist, um bei einem Autohändler in Rosenheim zu arbeiten. Der Chef vermittelte ihm ein Zimmer in einem heruntergekommenen Wohngebäude mit vielen kleinen Wohneinheiten, in dem vor allem Ausländer lebten. Der Angeklagte ärgerte sich über »das laute und dreckige Haus«, in dem es immer wieder zu Streitigkeiten kam – zumeist wegen Kleinigkeiten, wie der Vorsitzende Richter in der Urteilsbegründung ausführte. Am Tattag habe der 26-Jährige fünf Flaschen Bier getrunken und seinen Job gekündigt, um heimzufahren. Im Laufe des Abends habe der Angeklagte das Gebäude mehrmals mit einer Tasche verlassen und wieder aufgesucht. Das zeigten die Aufnahmen einer Videokamera. Gegen 3.20 Uhr verließ der Bosnier endgültig das Haus, in dem damals mit den Menschen im ersten Stockwerk insgesamt 46 Personen weilten. Laut Videoaufzeichnung warf er dabei noch einen Blick nach oben. Dass er dabei das Feuer in der zweiten Etage sah – davon ging das Gericht im Urteil aus.

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Die beiden Brände in seinem Zimmer und vor einer Abstellkammer im zweiten Obergeschoß gelegt zu haben, hatte der 26-Jährige in dem dreitägigen Prozess eingeräumt. In seinem Raum erfassten die Flammen die Tür, den Boden und den Fensterrahmen. Im Nachbarzimmer fiel ob der Hitze ein Wandschrank herunter. Das Geräusch weckte glücklicherweise einen der zehn Bewohner, unter denen ein vier Jahre alter Bub war. In einem anderen Raum war ein Zeuge noch wach und nahm den Brandgeruch wahr. Er holte weitere Personen aus dem Schlaf.

Das Feuer im Zimmer des Angeklagten erlosch wegen Sauerstoffmangels von selbst. Den Brand an der Treppe zum Dachgeschoß mit enormer Rauchentwicklung konnten Mieter mit Wasser löschen. Letztlich wurde niemand ernsthaft verletzt, alle konnten ins Freie flüchten. Die Feuerwehr traf um 3.40 Uhr ein und brachte die Situation unter Kontrolle.

Im Urteil hob der Vorsitzende Richter hervor, dem 26-Jährigen seien die schlafenden Bewohner »gleichgültig« gewesen: »Er nahm in Kauf, dass sie ums Leben kommen könnten.« Das Schwurgericht habe das Geständnis des Angeklagten überprüft. Die Richtigkeit ergebe sich aus den Videoaufnahmen, auf denen er eindeutig identifiziert worden sei. Die Brände im Obergeschoß hätten wesentliche Gebäudeteile betroffen und einen Sachschaden von etwa 37 000 Euro verursacht. Der Bosnier habe »mit bedingtem Tötungsvorsatz« gehandelt. Erich Fuchs weiter: »Deshalb hat er versuchten Mord aus Heimtücke begangen. Er wusste, dass sich in dem Haus regelmäßig Bewohner, auch Kinder, aufhalten. Er nahm tödliche Folgen in Kauf. Das war eine äußerst gefährliche Gewalthandlung.«

Der Schwurgerichtsvorsitzende verwies auf Umstände, die gegen einen Tötungsvorsatz sprechen. So habe der 26-Jährige »kein nachvollziehbares Motiv für die Tötung von Bewohnern« gehabt. Vielmehr sei er verärgert und unzufrieden gewesen mit den gesamten Verhältnissen. Er habe »Vergeltung« üben wollen. Andererseits habe er die zwei Brände nachts in dem verwinkelten Gebäude mit schlechten Fluchtmöglichkeiten entzündet: »Die Tat war sehr gefährlich. Ihm war bekannt, dass nicht nur Feuer, sondern auch Rauch tödliche Folgen haben kann.« Das Mordmerkmal »Heimtücke« sei erfüllt, betonte Fuchs. Der Angeklagte habe die Arg- und Wehrlosigkeit der Mitbewohner bewusst ausgenutzt. Rechtlich sei das versuchter Mord an den zehn am meisten gefährdeten Menschen im zweiten Obergeschoß.

Das Gesetz schreibe für Mord eine lebenslange Freiheitsstrafe vor. Wegen einer Versuchstat sei der Strafrahmen zu senken auf drei bis 15 Jahre. Eine zusätzliche Milderung verneinte der Vorsitzende Richter. Der 26-Jährige sei trotz der Alkoholisierung laut Sachverständigem schuldfähig gewesen. Bei der verhängten Strafe habe die Kammer »das Geständnis von immens hohem Wert« strafmindernd berücksichtigt. Niemand sei schwerer verletzt worden.

Positiv wirkten außerdem eine gewisse alkoholische Enthemmung und das vorstrafenfreie Leben des Bosniers. Dem stehe die sehr hohe Todesgefahr für zehn Menschen durch Feuer und Rauch entgegen. Der Vorsitzende Richter schloss: »Glücklicherweise ist nicht viel passiert. Ihr Geständnis war von Einsicht und Reue geprägt. Deshalb sind wir weit unter der Forderung des Staatsanwalts geblieben.« Der Angeklagte verfolgte das Urteil, das wahrscheinlich rechtskräftig wird, mit unbewegter Miene. kd

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