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Niels Frevert: »Auf Deutsch zu texten ist immer ein Kampf«

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Niels Frevert
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Der Musiker Niels Frevert hat «Putzlicht» angeschaltet und erzählt. Foto: Britta Pedersen Foto: dpa

Geheimtipp, Kritikerliebling, Musiker für Deutschpop-Gourmets - all das hat Niels Frevert schon oft über sich gelesen. Sein neues Album ist wieder von erlesener Klasse.


Berlin/Hamburg (dpa) - Er ist ein Grübler mit »Grundmelancholie«, ein selbstkritischer Künstler, ein außergewöhnlicher Sänger und Songschreiber: Niels Frevert (51). Die Deutsche Presse-Agentur in Berlin sprach mit dem Hamburger Musiker über sein aktuelles Album »Putzlicht«.

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Frage: Ihre neue Platte »Putzlicht« klingt nicht nur vom Sound her anders als die Vorgänger - auch die Texte sind anders. Zum Beispiel »Ich suchte nach Worten für etwas das nicht an der Straße der Worte lag«. Was ist passiert?

Antwort: In dem Lied steckt sehr viel über meine Textarbeit zu diesem Album drin. Um es gleich zu sagen: Ich hatte eine kleine private Krise. Wenn ich mich an die Gitarre setzte, kamen nicht so viele tolle Sachen dabei raus. Ich war auch ein bisschen weg vom Schreiben. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich meine Sprache verloren. Es war gut, dann wieder Songs zu finden, die auf ein Album drauf müssen. Eine Platte, die einen gewissen Optimismus versprüht. In dem Song steckt diese Geschichte drin.

Frage: Also ist Ihnen die Arbeit an den Texten diesmal sehr schwer gefallen?

Antwort: Auf Deutsch zu texten ist immer ein Kampf - selbst wenn alles super läuft. Das ist kein Spaziergang. Es stimmt übrigens auch nicht, dass ein Singer-Songwriter es braucht, dass es ihm schlecht geht. Es bleibt sowieso immer eine Grundmelancholie, die kann ich nicht abstreifen. Aber wenn man ohnehin in einem Loch steckt, dann ist die Gefahr groß, dass es in Larmoyanz abstürzt. Deshalb habe ich gewartet, bis gute Ideen kommen - auch wenn fünf Jahre zwischen zwei Alben natürlich eine lange Zeit sind. Im Frühjahr 2017 ging es wieder richtig los.

Frage: Was war Ihr Ziel nach dem Neustart vor zwei Jahren?

Antwort: Ich wollte auch Singles, Uptempo-Songs - aber mit Tiefe. Lieder, die irgendwie ins Radio passen. So wie »Immer noch die Musik"« Zunächst war das eine Ballade, aber ich wollte da einen Beat drunter haben. Mein Produzent Philipp Steinke hat das dann zusammengebracht. Es ist ein bipolares Liebeslied an die Musik. Der erste gelungene Song fürs neue Album war aber »Wind in deinem Haar«. Da dachte ich: Ja, so kann man es doch machen.

Frage: Stimmt der Eindruck, dass »Putzlicht« mehr Innensicht enthält als früher bei Ihnen üblich? Hat Ihnen das geholfen?

Antwort: Es sind tatsächlich weniger Geschichten drauf. Da musste etwas raus und hat sich seinen Weg gebahnt. Ja, vielleicht hat mir die Musik wieder aufgeholfen.

Frage: Wie regelmäßig gehen Sie ans Songschreiben?

Antwort: Wirklich jeden Tag. Man muss immer auf Empfang sein, die absurdesten Stellen schnell aufschreiben oder abspeichern. Ich brauche viel Zeit und bin sehr gut im Verwerfen.

Frage: Gibt es trotzdem noch mehr Songs als die zehn, die jetzt auf dem Album gelandet sind? Und wie würden Sie »Putzlicht« insgesamt beschreiben?

Antwort: »Fünf Lieder sind nicht durch die Qualitätskontrolle von Philipp Steinke gekommen. Wir wollten das Level hoch halten. Wenn man sich schon fünf Jahre Zeit lässt, dann muss man mit etwas Starkem zurückkehren. Auf diesem Album sind meine letzten fünf Platten alle irgendwie versammelt. Obwohl die Arrangements natürlich anders sind, weniger akustisch, und deutlich stärker produziert als früher bei mir üblich. Ich habe mich von alten Ideen verabschiedet und neue zugelassen. Und ich wollte, dass man diese Veränderungen auch hört.

Frage: Ihr Fazit zum neuen Album?

Antwort: Ich stelle mich jetzt nicht hier hin und sage: Das ist die beste Platte meiner Karriere. Aber sie ist auf jeden Fall für mich ein Befreiungsschlag. Es ist kein Liedermacher-Album mehr. Aber ich kann die Lieder weiterhin auf einer Gitarre spielen. Das war mir auch wichtig, weil ich mit dieser Platte weiterhin solo auftreten will. Wie »Putzlicht« nun angenommen wird? Ich kann's nicht sagen. Ich glaube nicht, dass das Album sich anbiedert, aber es verschließt sich der Masse auch nicht. Da sind auch Sachen drauf, die ein jüngeres Publikum ansprechen können.

Frage: Stimmt es eigentlich, dass Sie Songschreiben unterrichten?

Antwort: Ja, ich bin auch Dozent für Songwriting. In Workshops, eher im Süden von Deutschland, weil es da noch Budgets gibt für so etwas. Das ist eine tolle Aufgabe, bei der ich selbst noch viel lerne. Aber es ist auch erstaunlich, wie viel diese jungen Leute nicht wissen. Wer sich mit deutschen Texten befasst und die »Hamburger Schule« nicht kennt, der sollte das aber schleunigst nachholen. Das finde ich ignorant. Aber immerhin: Rio Reiser kennt jeder. Die jungen Leute merken, dass der sich die Seele rausgesungen hat.

Frage: Wie fanden Sie denn als Hamburger die Aufnahmen zu »Putzlicht« hier in Berlin?

Antwort: Diese Platte ist komplett in Berlin entstanden - zum ersten Mal. Die Stadt hat was mit mir gemacht. Berlin im Winter ist ja schon auch eine Nummer. Aber dann wurde es Frühling. Ist irre, was das mit dieser Stadt macht. Ich habe vor allem ihre Vielfältigkeit schätzen gelernt. Wie viele unterschiedliche Menschen hier rumlaufen. Ich habe das Gefühl, das ist in Hamburg weniger so. Also: Teilzeit-Berliner werden - da wäre ich sofort dabei. Aber es zieht mich eben auch immer etwas nach Hamburg. Ich lebe im Schanzenviertel - da ist die Welt für mich in Ordnung, da kann man auch Kinder großziehen.«

ZUR PERSON: Niels Frevert macht seit den frühen 90ern Musik - zunächst in der Band Nationalgalerie, seit 1997 solo. Alle paar Jahre bringt der 1967 geborene Singer-Songwriter ein Album voller schöner, kluger Lieder heraus, die von Fans und Kritikern gefeiert werden. Auf »Paradies der gefälschten Dinge« (2014) folgt nun »Putzlicht«, wieder veröffentlicht bei Herbert Grönemeyers Label Grönland Records.