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Noch »al dente« oder schon Gammelfleisch?

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Christine Rothacker im kabarettistischen Einsatz für die Rente ab 90 und somit gegen Altersarmut. (Foto: Benekam)

Was bleibt, wenn der Zahn der Zeit sich über alles Begehrenswerte einer Frau hermacht, ihre äußeren Reize zerfrisst, ihr Lebenskraft und Energie raubt, sie an den Rand einer Hochleistungsgesellschaft stellt, wo sie sich dann, mit der niederschmetternden Aussicht auf Minirente, als überflüssigen Sozialfall in einer aussichtslosen Lebenssituation sieht? Für Kabarettfigur Renate Eisenpreis ist das keine Frage: Die aufmüpfige 80-jährige Heldin und »Befreiungskämpferin« sagt in Christine Rothackers neuem Programm »Auslaufmodell 4.0« dem desolaten Überlebenskampf des weiblichen Alterns den Kampf an. Dafür sind ihr alle Mittel recht.


Ein aktuelles Thema hat sich die im Rupertiwinkel lebende Berliner Kabarettistin da auserkoren, und sie bewältigte es im Traunreuter k1 mit beneidenswert guten Erfolgsansätzen. Das Publikum kicherte sich durch einen gehaltvollen Kabarettabend und bekam so manchen nützlichen Geheimtipp mit auf den bevorstehenden Lebensweg: eine effektive Bedienungsanleitung im Umgang gegen Ungerechtigkeit, mit einer extra Portion unbeugsamem Optimismus, ideenreiche Strategien gegen aufkommende Altersdepression und zielführende Navigation aus der Einbahnstraße gesellschaftlicher Ausgrenzung.

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Bittersüße Texte und Lieder

Mit bittersüßen Texten und Liedern von der Berliner Theatermacherin Esther Steinbrecher, die zugleich auch Regie führte, und kessen Tänzchen in Begleitung ihres Akkordeons machte Rothackers Figur Renate Eisenpreis der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit den Garaus. Und das mit einer hämischen schwarzhumorigen Freude, die kein Auskommen zuließ und zugleich mit unwiderstehlichem Charme einer in die Jahre gekommenen Dame, die weiß (und bekommt), was sie will.

»Die heutigen 80-Jährigen sind die 50-Jährigen von morgen«, erklärt sie rotzfrech und fühlt sich dabei durchaus noch »al dente«. Dem Alter rückt sie mit persönlichem Optimierungswahn, halsbrecherischen aber stimulierenden Turnübungen und Power-Diäten auf die Pelle. Statt Schnabeltasse und Rollator probt sie den Aufstand im Sportdress gegen Adipositas und aktivierter Arthrose.

Falls sich doch mal was »verklemmt«, ist sie bestens gerüstet: Frau Klitscherowa, polnische Pflegekraft und wie ein Leibchen am Körper, kennt immer die richtigen Handgriffe und hat noch dazu immer den passenden Spruch parat. Neben der polnischen »Pflegeberaterin« ließ Rothacker noch andere skurrile Figuren ihr Unwesen treiben: ihren smartphonesüchtigen Sohn Mike, der ihr seit 45 Jahren mit Übergewicht (»da hilft auch der Stretchmode auf Skype nichts«) auf der Tasche liegt, ihr Lebensgefährte und resignierter Gewerkschaftler Achim, der sich unermüdlich Rotwein trinkend für »solidarisches« Handeln und eine Steinzeitdiät einsetzt (»ein jeder darf von des anderen Mammut beißen, und ein jeder wird satt. Her mit dem bedingungslosen Grundeinkommen! Take the money and run!«) und schließlich Freundin Beatrice – seit 20 Jahren Pornodarstellerin und Gegnerin irrwitziger neuer Arbeitsbedingungen, wie »bumskompatible Burkas« oder ähnliche Schweinereien.

Renate rüstet sich für die Rente ab 90

Renate bietet allen die Stirn. Sie rüstet sich für die Rente ab 90. Und danach sieht sie ihre Zukunftsvision in einer Arbeit, die endlich richtig Kohle bringt: Leiche sein. Ein postmortaler Job mit Aussicht auf unzählige Arbeitsfelder – in der Leichenfledderei der Ausstellung »Körperwelten«, als »Zigarettenpackungsabschreckungsbild«, als Gammelfleischlieferant für Metzgereien oder als Beispiels-Leiche beim Bestatter. »Einmal noch Modell sein«, singt sie und schwärmt über die Aussicht, am Ende doch noch für etwas gut zu sein.

Gut geht die Chose auch für ihre Mitstreiter aus. Sohn Mike geht zum Speckverlieren nach Indien, Achim wird vom UFO abgeholt und die Klitscherowa ist ohnehin unverzichtbare Perle der überalternden Gesellschaft.

Christine Rothacker erntete für ihr bittersüßes Kabarett kräftigen Applaus und ließ sich in keinem Moment davon abhalten, ihr Programm auch vor einem kleineren Publikum mit vollem darstellerischen Einsatz abzuliefern. Kirsten Benekam