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Noel Gallagher mit Oasis-Songs und bunter Psychedelia

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Noel Gallagher
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Der britische Sänger und Songschreiber Noel Gallagher in Hamburg auf der Bühne. Foto: Axel Heimken Foto: dpa

Es ist ein bisschen eine Glaubensfrage, ob man nach der Trennung von Oasis eher Liam oder doch Noel Gallagher die Treue hält. Beide Brüder veröffentlichten fast zeitgleich ihre neuen Soloalben. Am Sonntag startete nun Noel Gallagher seine Deutschland-Tournee in Hamburg.


Hamburg (dpa) - Wolken ziehen über den türkisblauen Himmel auf der riesigen Leinwand, die die Form eines Halbkreises hat. Wie winzige Schattenmenschen sehen Noel Gallagher und seine Band High Flying Birds davor aus, als sie am Sonntag die Bühne des Mehr! Theaters in Hamburg betreten.

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Es ist das Auftaktkonzert des britischen Sängers und Songschreibers in Deutschland, und es ist ausverkauft. Hierzulande schaffte es Gallagher mit seinem Ende November erschienenen, dritten Soloalbum »Who Built The Moon?« auf den wenig spektakulären Platz 17 in den Charts.

Aber live ist der Hitschreiber der 2009 aufgelösten Gruppe Oasis, die er mit seinem Bruder Liam Gallagher bis zu ihrem Zerwürfnis unterhielt, dennoch ein Magnet. Der 50-Jährige hat zwar nicht den Glamour-Appeal, den der fünf Jahre jüngere Liam versprüht. Denn während der sich auf der Bühne als Rockstar inszeniert und sich stilistisch weiter auf Oasis-Pfaden bewegt, ist es bei Noel Gallagher eher so, dass man einem Musiker bei der Arbeit zusieht.

Mit den neuen Liedern macht er dafür aber deutlich, dass er sich von seiner Vergangenheit ein Stück weit emanzipiert hat. Der nahezu instrumentale Eröffnungssong »Fort Knox« beißt sich lärmend-laut in die Gehörgänge. Für das poppige »Holy Mountain« gesellt sich ein Bläsertrio dazu, das der Nummer einen Hauch Roxy Music verleiht. »It’s A Beautiful World« versprüht Retro-Charme. Für das siebenminütige Stück »Be Careful What You Wish For« holt sich Gallagher später eine Begleitsängerin mit auf die Bühne.

Das neue Lied »Dead In The Water«, das er allein auf der Akustikklampfe darbietet und mit dem er Lagerfeuer-Atmosphäre verbreitet, bleibt die Ausnahme. Für das Album arbeitete Gallagher mit dem nordirischen Elektro-Produzenten und Filmkomponisten David Holmes zusammen. Die Songs klingen experimentierfreudiger und elektronischer als alles, was Gallagher bisher gemacht hat. Passend dazu geht es auf der Leinwand knallig-bunt und psychedelisch zu.

Doch Hymnen, wie er sie einst für Oasis schrieb, sind nicht dabei - die Stimmung in der Halle ist doch eher gemäßigt. Das ändert sich in Minute 28 schlagartig, als Gallagher die ersten Worte des Abends spricht: »Ich habe gehört, in dieser Stadt gibt es noch ein paar Oasis-Fans?«, fragt er grinsend. Er stimmt »Little By Little« vom 2002 erschienenen Oasis-Album »Heathen Chemistry« an.

Was dann folgt, ist das wohl beste Argument für eine Wiedervereinigung der britischen Stadionrockband: Der ganze Saal singt mit - es ist wie Magie! Und der starke Jubel im Anschluss scheint zu sagen: »Komm, Noel, du willst es doch auch!« Hoffnung auf eine Band-Reunion macht, dass sich die Brüder nach neun Jahren erbittertem Kleinkrieg kurz vor Weihnachten offenbar angenähert haben.

»Es ist alles wieder gut zwischen uns«, hatte Liam seinerzeit über Twitter verlautbart. Momentan sind die beiden dennoch eher Konkurrenten: Noel brachte sein neues Album im vergangenen Jahr nur wenige Wochen nach dem Solodebüts seines Bruder heraus. Liam wird seine neuen Stücke in selber Halle im November vorstellen.

Es ist kompliziert. Und für die Fans auch ein bisschen Glaubensfrage, wem sie die Treue halten. Auf gewisse Weise herrscht trotzdem noch Arbeitsteilung zwischen Liam und Noel, denn beide streuen in ihre Live-Sets Oasis-Songs ein. Bei Noel Gallagher sind es an diesem Abend insgesamt sechs. Den Klassiker »Wonderwall« spielt er schneller und minimalistischer als auf Platte, was dem Kollektivgesang in der Halle keinen Abbruch tut. Und das 1995 erschienene »Don’t Look Back In Anger« erzeugt immer noch Gänsehaut.

Nach den Terroranschlägen in Manchester im Mai 2017 wurde das Lied erneut zur tröstenden Hymne - Gallagher spendete sämtliche Erlöse an die Opfer und Hinterbliebenen. Als Rausschmeißer covert er den Beatles-Klassikers »All You Need Is Love«, der sich gut einfügt in die psychedelisch-bunte Welt der neuen Platte. Noel Gallagher bedankt sich artig für den langen Applaus. Gar nicht mal unwahrscheinlich, dass seine Tour die letzte Ehrenrunde vor der großen Oasis-Reunion ist.

Weitere Stationen: Düsseldorf (9.4.), München (12.4.), Berlin (16.4.) und Wiesbaden (17.4.)