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Nur Lesen ist noch anregender

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Prinzessin Lena (Julienne Pfeil) ist nicht gerade glücklich über Leonce (Clemens Ansorg) als ihrem festgeschriebenen Partner. (Foto: Löffelberger/Salzburger Landestheater)

Durch »ein Dutzend Fürstentümer, durch ein halbes Dutzend Großherzogtümer und durch ein paar Königreiche« ist Leonce gelaufen, »und das in der größten Übereilung in einem halben Tag«: So sah Partnersuche aus, bevor einschlägige Netzportale zur Verfügung standen.


Die deutsche Kleinstaaterei, über die Georg Büchner sich in »Leonce und Lena« quasi nebenher lustig macht, war den globalen Optionen der Partnersuche jedenfalls zuträglich. Der ganz außerordentliche Werteverlust, bedingt durch Langeweile und sich äußernd in gekünsteltem Zeitvertreib (was für ein entlarvendes Wort), ist ein wichtiger Aspekt in Büchners Lustspiel. Man kann es Dekadenz nennen, wenn ein junger Mensch wie Prinz Leonce kein Ziel vor Augen hat, keinen Lebensplan erkennt. Ein Einkaufszentrum an einem Samstag zur Mittagsstunde wäre ein geeigneter Ort, an dem sich die beiden frustrierten Königskinder mit dem Hang zur Formulierung von Sehnsuchtspoesien heutzutage über den Weg laufen könnten.

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Genau das passiert aber nicht in den Kammerspielen. Die Jungregisseurin Caroline Ghanipour und ihr Ausstatter Peter Engel haben die Bühne frei geräumt. Silberschimmernde Wände führen perspektivisch nach hinten, die niedrige Rückwand, drehbar, lässt dahinter Grünzeug erkennen – das verlorene Paradies? Caroline Ghanipour hat Szenen unauffällig umgruppiert, ein paar Nebenrollen rausgekürzt, serviert den Text sonst quasi buchstabengenau. Eben weil dieser Text so vielschichtig ist und Büchner mit seiner Boshaftigkeit auf politischer wie menschlicher Ebene aneckt, gibt sie auf diese Weise keine spezielle Interpretation vor. Sie delegiert an die Zuseherinnen und Zuseher, das sie jeweils Ansprechende heraus zu hören.

Diese »Leonce-und-Lena«-Aufführung ist also als ein willkommenes Angebot zum Selberdenken. Nur Lesen ist noch anregender. Humor und Witz kommen in der Aufführung nicht zu kurz, und wenn man mit Tempo ein wenig an der Poesie-Gloriole von »Leonce und Lena« kratzt, schadet es nicht. Dass Nestroy auch im Vormärz groß geworden ist, fällt einem angesichts mancher Wortspiele ein. Die serviert vor allem Valerio (Sascha Oskar Weis) in alerter Zuspitzung.Die Schauspieler dürfen pralle Figuren zeichnen. Fast könnte einem König Peter vom Reiche Popo (Walter Sachers) leidtun, wenn er in Unterhose daherkommt und versichert: »Ich muss denken.« Er wird sich staatsmännisch gut weiterentwickeln im Lauf der knappen anderthalb Stunden. Wenn er vorführt, dass er wild entschlossen ist, sich aller Widerwärtigkeit monarchischer Kleinstheit zum Trotz zu amüsieren, wird das zum Kabinettstück.

Axel Meinhardt als Staatsdiener wirkt in seiner Unbestimmtheit als Ja-Sager gefährlich. Ein Mann ohne Eigenschaften. Clemens Ansorg hat als Leonce einen herablassend-fadi-sierten Blick drauf. An seiner Überheblichkeit muss Rosetta (Elisa Afie Agblagah), die auf einem Plattenteller zu tanzen angehalten ist, zwangsläufig scheitern. Eine glückliche Zukunft wird man auch Prinzessin Lena (Julienne Pfeil) nicht prognostizieren dürfen. Sie wird, wenn der Liebes-Irrtum aufgeklärt und Leonce als Partner festgeschrieben ist, alles andere als beglückt dreinschauen: der Kontrapunkt zum pseudo-fröhlichen Finale. Nikola Rudle als Gouvernante durchschaut das bitterböse Lustspiel noch genauer und sitzt nachgerade fassungslos da.

Aufführungen von »Leonce und Lena« gibt es noch bis zum 20. Mai. Reinhard Kriechbaum

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