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»Ois was Recht is«

Erwin Tochtermann hat fast vier Jahrzehnte lang gesessen – als Gerichtsreporter für die Süddeutsche Zeitung in bayerischen Gerichtssälen.

Der ehemalige Gerichtsreporter Erwin Tochtermann bei seiner Lesung in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS. (Foto: M. Heel)

Und er habe dabei »Maßstäbe für eine seriöse, faire, präzise, aber zugleich lebendige und menschlich einfühlsame Berichterstattung aus dem Gerichtssaal gesetzt«, so die Arbeitsgemeinschaft Strafrecht des Deutschen Anwaltvereins, die ihm 2006 den Preis »pro reo« für sein journalistisches Lebenswerk verliehen hat.

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Jetzt war Tochtermann auf Einladung des ehemaligen Landtagsabgeordneten Gustav Starzmann in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS zu Gast, um aus seinem spannenden Berufsleben zu erzählen. Von Erlebnissen, die auch in seinen erfolgreichen, aber leider nur noch antiquarisch erhältlichen Büchern »Ois was Recht is« und »Die Leichen im Keller der bayerischen Justiz« abgedruckt sind.

Nachdem Starzmann, der Tochtermann seit seiner Studienzeit kennt, kurz über das Spannungsfeld Literatur-Journalismus-Sachbuch referiert hatte, erzählte Tochtermann, 1930 München geboren und in Schwabing aufgewachsen, wie er nach einem Germanistikstudium und mit wenig Lust auf ein Lehramt 1960 mehr durch Zufall als Volontär bei der Süddeutschen Zeitung gelandet war. Dort war er zunächst »quer durch den Gemüsegarten« tätig, ehe er sich als Gerichtsreporter profilieren konnte.

Mit amüsanten Kurzgeschichten, hauptsächlich aus den sechziger und siebziger Jahren, füllte Tochtermann dann den ersten Teil des Abends; etwa mit dem »Das Fünfmonatskind«, der tragikomischen Geschichte eines fürchterlich verliebten, aber reichlich naiven jungen Mannes vom Land, der sich im Münchner Bahnhofsviertel von einer schwangeren »Dame« zur Anerkennung der Vaterschaft überreden ließ. Und dann, als er mit dem Baby unversehens allein dastand, auch keine Unterhaltszahlungen mehr leisten wollte. Oder mit der Story vom Sigi, einem notorischen, aber durchaus sympathischen Heiratsschwindler, der sich mit den Worten verteidigte, er habe den Frauen kein Geld »abgeluchst«, nein, »geradezu nachgschmissn« hätten sie es ihm.

Nach der Pause ging es dann eher nachdenklich und ernst weiter, entsprechend der Ansage von Tochtermann, dass vor dem Gesetz alle gleich seien, hinter dem Gesetz jedoch nicht. Als eines von zwei Beispielen führte er detailliert ein Eifersuchtsdrama an, bei dem ein junger Mann drei Schüsse auf seine Ex-Freundin abgegeben hatte, ohne sie jedoch zu treffen. In Traunstein vor Gericht gestellt, erhielt der Mann wegen eines minderschweren Falls des versuchten Totschlags zwei Jahre. Ein Urteil, das Tochtermann in Anbetracht aller Umstände für absolut angemessen und gerecht hielt. Auf Revision der Staatsanwaltschaft wurde in München jedoch neu verhandelt, das Ergebnis: fünf Jahre. Für Tochtermann war dieser Fall ein Lehrbeispiel dafür, wie Motive, Absichten, Tatabläufe und nicht zuletzt Zeugenaussagen völlig unterschiedlich und in diesem Fall klar zu Ungunsten des Angeklagten gesehen werden können. Wolfgang Schweiger