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Ovationen für »Vitamin C-Vergiftung in Amsterdam«

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Franz-Josef Fuchs im Biergarten mit Bier und Schnaps: Auf der Suche nach der Wahrheit? (Foto: Ortner)

Mit tosendem Applaus und teils stehenden Ovationen wurde die wochenlange Plackerei von Franz-Josef Fuchs und Regisseur Dieter Woll für die Premiere der Monolog-Groteske »Vitamin C-Vergiftung im Amsterdam« in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS belohnt.


Vollkommen zu Recht übrigens, denn Franz-Josef Fuchs hatte ein enormes Textpensum zu bewältigen und ist in dieser eines erfahrenen Charakterdarstellers wie ihm mehr als würdigen Meisterrolle und Herausforderung weit über sich selbst hinausgewachsen.

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Der Vorsitzende des Fördervereins Fabriktheater e. V., Sepp Häusler, spielte bei der Begrüßung wohlgelaunt mit diversen Vitamin-Arten und zeigte sich sehr erfreut über die große Anzahl der Besucher, die die »Neugier auf eine Enthüllungsgeschichte« ins NUTS getrieben hatte, und bedankte sich für die jahrelange Treue und tatkräftige Unterstützung. 55 eigene Theaterproduktionen des Fabriktheaters e.V. in 18 Jahren – eine umfangreiche Bilanz professioneller Theaterarbeit, die sich durchaus sehen lassen kann.

Und von Anfang an immer dabei als Schauspieler, Regisseur oder beides: Franz-Josef Fuchs. Fuchs hat in diesen Jahren mit namhaften Regisseuren gearbeitet, unter anderem Christian Kreß (Iberl Bühne, Chiemgauer Volkstheater, BR), Jörn van Dyck, Dietmar Gamper (Königliches Hoftheater Meran) und nun Dieter Woll, der unter anderem mit Sissi Perlinger und der Couplet AG gearbeitet hat und dem eine Reihe Drehbücher zu beliebten Vorabendserien zu verdanken ist.

Ein Mann sitzt im Biergarten. Allein. Vor sich eine Maß Bier und eine Flasche Schnaps. Darin scheint er manchmal die Wahrheit zu suchen oder wahlweise selbige zu ertränken – dazwischen: ausufernde Monologe und groteske Dialoge mit imaginären Gesprächspartnern. Zwei Handlungs- bzw. Gedankenstränge bilden das Gerüst der abstrakten Geschichte. Mit der wiederholten Aussage »Mei Frau is do ganz anders«, die sich später in »I bin do ganz anders« umkehrt, beschreibt der nächtlich Gestrandete Zustand und Unterschiede seiner/ihrer Beziehung(en) und Verhaltensweisen. Und die traumatische Erfahrung einer vorübergehenden Blindheit durch eine »Überdosis« Vitamin C bei seinem Besuch in Amsterdam, die fortan sein gesamtes Denken bestimmt und überschattet.

Bereits der Anblick einer Orange oder ihres Saftes beschert ihm großes Unbehagen. Deren Genuss durch Dritte bringt ihn in höchste Nöte und Sorgen bei der Vorstellung der Folgen, die durch vorübergehende Blindheit eintreten könnten. Und ja, genau, einige Katastrophen folgen auf dem Fuße. Teilweise sogar durch ihn selbst hervorgerufen und mit bemerkenswerter emotionaler Distanz und Naivität. Dazwischen hat das Autorenteam Woll/Müller eine Fülle von Gedanken- und Ereignissprüngen platziert, die an Absurdität – und dennoch geprägt von einer messerscharfen eigenwilligen Logik – kaum zu übertreffen sind. Frei nach dem Vater aller kuriosen Wort- und Satzkapriolen, Karl Valentin, Erfinder aller skurrilen Textgebilde. Manch einer wird sich vielleicht angesichts von Körpersprache, Gestik und verschwurbelter Ausdrucksweise auch an das kuriose Genie Sheldon aus »Big Bang Theory« erinnert fühlen.

Abgehandelt wird alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Der Buchstabe »A« in allen Varianten. Wortspiele aus Solo, so los und dass Sirup klebt und seine Frau gern glebt hat (Achtung: phonetische Herausforderungsspielchen). Das korrekte Pellen eines Eis, die Grachten von Amsterdam, Fluss-Fließrichtungen in München und Venedig und die Anordnung der Galaxien. Sogar Ödipus und der Mord an Cäsar. Und am Ende sogar die erste Vitamin C-Vergiftung der Menschheitsgeschichte, die Adam durch den Verzehr von Evas Apfel erlitt und infolgedessen den Überblick verlor.

Im Prinzip kann der Zuschauer entscheiden, ob er versucht, das Stück als Ganzes zu verstehen, was eine enorme Herausforderung darstellt, oder aber einfach die Situationskomik der Episoden in all ihrer meisterhaften Sprunghaftigkeit zu genießen.

Gespielt wird nochmals am Donnerstag, dem 17. und 24., sowie Freitag, 18. November um 20 Uhr. Karten gibt es unter Telefon 0861/8431, im Internet unter www.nuts-diekulturfabrik.de, beim Zeitungskiosk Hörterer am Maxplatz in Traunstein und bei Schreibwaren Rother in Chieming. Maria Ortner