Papa-Projekt: St. Vincents »Daddy's Home«

St. Vincent
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Die US-Popmusikerin Annie Clark alias St. Vincent reiste zurück in die 70er Jahre. Foto: Michael Zackery/Virgin Music/dpa Foto: dpa

Schon länger gilt Annie Clark alias St. Vincent als eine der besten US-Popmusikerinnen. Doch ihr Perfektionismus wirkte oft wie eine Bremse für den ganz großen Erfolg. Mit »Daddy's Home« könnte sich das nun ändern.


Berlin (dpa) - Schon der Titel dieses Albums ist sehr persönlich: »Daddy's Home« bezieht sich auf die Rückkehr eines wohl nicht allzu perfekten Vaters, der fast zehn Jahre im Gefängnis saß.

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In dieser Zeit befasste sich seine Tochter Annie Clark mit der Plattensammlung des verurteilten Wirtschaftskriminellen. Und sie fand so zu einem neuen Sound, der den langjährigen Kritikerliebling nun doch noch zu einem der wichtigsten Stars der US-Popmusik machen könnte.

Die unter dem Alias-Namen St. Vincent bekannte Singer-Songwriterin und Gitarristin nahm große Popalben der frühen und mittleren 1970er Jahre - von David Bowie und George Harrison über Pink Floyd bis zu Stevie Wonder und Joni Mitchell - als Ausgangspunkt für eine faszinierende Wandlung. Stand sich Clark (38) seit dem Debüt »Marry Me« (2007) mit ihren supercleveren, aber auch unterkühlt inszenierten Songs in puncto Massenerfolg oft noch selbst im Wege, so wagt sie nun eine ungewohnte Direktheit und Verletzlichkeit.

Die 14 Tracks von »Daddy's Home« sind erneut makellos arrangiert und produziert. Hier sitzt jedes Clark-Gitarrensolo (ein Geniestreich: »Live In The Dream«), jeder Sitar- oder Lapsteel-Einsatz, jeder soulige Chorgesang, jeder Funk-Groove am richtigen Platz. Aber die virtuos, bisweilen auch lasziv gesungenen Melodien sind zugänglicher als zuletzt auf den Alben »St. Vincent« (2014) und »Masseduction« (2017), die immerhin zwei Grammys für diese 1982 in Tulsa/Oklahoma geborene Künstlerin abwarfen.

So entspannt wie jetzt war Annie Clark bisher wohl nur auf »Love This Giant«, einem vor neun Jahren veröffentlichten Duett mit dem einstigen Talking-Heads-Frontmann (und Vorbild) David Byrne. Endlich scheint sie das auch in zahlreichen anderen Promi-Kooperationen angelegte Versprechen einzulösen, eine der prägenden US-Musikerinnen zu werden. Dass ihr dabei ein Kurswechsel vom komplexen Art-Pop zu einem geschmeidig-glatten Seventies-Klang hilft (plus eine ordentliche Prise Prince-Einfluss in »Pay Your Way in Pain« und »Down«), ist als Zugeständnis leicht zu verschmerzen.

»Die Jahre von 1971 bis 1976, die Post-Hippie-, Prä-Disco- und Punk-Ära, waren eine Zeit der kulturellen Umwälzungen und einer wirtschaftlichen Unsicherheit, wie wir sie heute auch erleben. Das ist der Soundtrack zu einem Leben in einem ausgebrannten Haus«, sagte Clark dem Musikmagazin »Rolling Stone« (Mai-Ausgabe) über ihre Begeisterung für eine fast 50 Jahre zurückliegende Ära. Nicht zufällig ist der sarkastische Edel-Poprock von Steely Dan (»Do It Again«, »Reelin' In The Years«) in ihren neuen Songs besonders gut getroffen, etwa mit dem Titelsong »Daddy's Home«.

Assistiert hat Clark erneut Multiinstrumentalist und Top-Produzent Jack Antonoff (36), der zuletzt Taylor Swift (»Folklore«) und Lana Del Rey (»Chemtrails Over The Country Club«) betreute - ein idealer Mann im Hintergrund für hochtalentierte, selbstbewusste Musikerinnen. »Er bestätigt einen und fügt etwas hinzu, das dazu passt. Das hilft ungemein«, betonte Clark im »Rolling Stone«-Interview.

Ob ihr Vater, dessen stilvolle Plattensammlung die musikalische Grundlage von »Daddy's Home« bildete, sich über dieses Willkommen freut? Vermutlich ja. Clark beschreibt ihn als schwierigen Typ, dessen Humor, Ideen und Sinn für Kunst sie aber verehre. »Ich wollte mit Mitgefühl, Humor und manchmal auch ein wenig Zynismus von Menschen mit kleinen oder größeren Fehlern erzählen, die ihr Bestes geben, um irgendwie durchzukommen«, sagt sie.

Diese reife Einfühlsamkeit hat St. Vincent zum bislang besten Album einer Karriere verholfen, in der noch viel mehr Großes kommen könnte. Wie sehr Annie Clark schon jetzt in der Musikszene anerkannt wird, zeigt eine aktuelle Ehrung durch Beatles-Legende Paul McCartney: Für sein Remix- und Cover-Album »McCartney III Imagined« übergab er St. Vincent die Ballade »Women And Wives« zum kreativen Herumbasteln. Sie klingt natürlich auch in Clarks Version großartig.

© dpa-infocom, dpa:210516-99-618452/3

Interview St. Vincent im "Guardian" (März 2021)

Webseite St. Vincent

St. Vincent im ARD-Kulturmagazin "ttt" (09.05.2021)

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