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Pathos der wilden Zwanzinger lustvoll zelebriert

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Elke Mattheis, Margit Steinbichler und Berny Steinhilber (von links) beim Auftritt in der Teisendorfer Schulaula. (Foto: Mergenthal)

Ein Tischchen mit Kerze und Rotwein, Tücher, ein Orientteppich, florale Deko, ein dunkler, schwerer Vorhang und geschickte Beleuchtung haben die nüchterne Schulaula in ein Kleinkunst-Etablissement der 1920er Jahre verwandelt. Die ideale Kulisse für das »Einzige Neopathetische Orchester« aus dem Chiemgau. Auf Einladung des Kulturvereins Teisendorf erweckte es die »Wilden Zwanzinger« mit Verve zum Leben, sehr zur Begeisterung der zahlreich erschienenen Zuhörer.


Diese Zeitepoche von Picasso und Absinth, von protzigen Partys neben erschreckender Armut wurde zu Recht so genannt. Das erst vor kurzem gegründete Ensemble hat sich in den Charme dieser manchmal beklemmend aktuellen 100 Jahre alten Lieder verliebt und sich zu ihrem Botschafter ernannt. Musik, Malerei, Tanz und Schauspiel erlebten damals einen Höhepunkt, bis das Nazi-Regime das sich in den Liedern spiegelnde, bunte Leben, das nach Aussage einer faszinierten Besucherin auch einen heutigen Zuschauer »mit seiner Offenheit und Toleranz beansprucht«, als entartet verfemte.

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Es war keine museale Performance in Teisendorf, sondern die Band durchlebte die Songs mit Haut und Haar. Mit dem »Bilbao Song« von Bert Brecht und Kurt Weill, von Berny Steinhilger mit überschäumendem Pathos und einem Hauch Nostalgie zelebriert, erinnerte das Intro an die Dekadenz und Vergänglichkeit der stürmischen Partyzeit. Mit den das Original leicht variierenden Worten des Sängers »Kommt Leut, macht die Musik von damals nach« stimmte es perfekt auf die musikalische Zeitreise ein. Aus demselben Jahr (1930) stammte das bekannte »Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt.« Friedrich Holländer dichtete und komponierte es für den Film »Der blaue Engel«. Im Film sang Marlene Dietrich das Lied in ihrer Rolle der Lola und so wurde es weltberühmt.

Ihre ganz eigene Interpretation dieser Klassiker hat die aus Niederbayern stammende Rockröhre Elke Mattheis entwickelt. Sie stand als eine Mischung aus »Femme fatale« und unschuldigem Mädchen, aus Luder, Furie oder Hexe und Heilige im Mittelpunkt der Show. In ihrem schwarzen Kleid mit Korsett geizte sie nicht mit ihren Reizen und zeigte, auch schauspielerisch eine Wucht, stimmlich eine enorme Bandbreite und tolles Volumen – von zart bis hart, von lieblich bis derb, von flüsternd bis fast schreiend. Sie hatte keine Scheu davor, mit den Emotionen extrem dick aufzutragen. Für manche im Publikum gewöhnungsbedürftig, doch unter dem Strich kam diese bewusste Überzeichnung sehr gut an.

Das Publikum wurde zuweilen einbezogen; so bekamen einige Damen und auch ein Herr bei »Für mich solls rote Rosen regnen« von Hildegard Knef Rosen geschenkt. Die Band schaffte es, die Lieder zu zu inszenieren, dass man einen Moment lang nicht wusste, ob sie Fiktion oder Wirklichkeit sind. Etwa, wenn Eva-Maria Forreiter, die sonst auf dem Akkordeon viel Atmosphäre in den Gesamtklang brachte, in ihrem einzigen Gesangsauftritt den Marlene-Dietrich-Klassiker »Mein Mann ist verhindert« interpretierte. Als der »stabile Motor der seltsamen Maschine, die sich Orchester nennt«, strich Margit Steinbichler entspannt den Bass. Mit Randolph Sachs und Berny Steinhilber an der der Gitarre – letzterer sang auch und griff zuweilen zur Querflöte – entstand ein schillernder Gesamtklang. Alles drehte sich immer wieder um die Liebe, die damals zuweilen sehr freizügig war, wie sich bei »Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre« (Dietrich/Holländer) zeigte.

Ihrer Zeit voraus waren provokative Lieder wie das »Lila Lied« von 1920, die erste Hymne der Homose-xuellen – bei den Worten »Wir sind nun einmal anders als die andern« war jeder Gesangston eine Explosion. Unter die Haut ging Kurt Weills Petroleum-Song »Muschel von Margate« (1928), der das mit dem Erdöl in die Welt gebrachte Unheil vorausahnte. Überzeugend brachten Sängerin und Instrumentalisten auch »Das Soldatenweib«, eine Art Antikriegshymne von Weill, zu Gehör. Mit zwei Zugaben bedankte sich das Ensemble für den stürmischen Applaus. Veronika Mergenthal