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Paul Schmaus auf seiner Terrasse mit einigen Erinnerungsobjekten und dem Schild für den neuen Steig. (Foto: Mergenthal)

Paul Schmaus – 18 Jahre Eishöhlenführer mit Leidenschaft gehen zu Ende

Eine Karbidlampe, ein Holzschild mit der Aufschrift »Sammelplatz – Schellenberger Eishöhle 3 min«, Steigeisen, einige kleine Felsbrocken und Zapfen: ein wenig gleicht die hölzerne Windschutz-Wand an der Terrasse von Paul Schmaus einem Erinnerungs-Altar. 18 Jahre lang war der ehemalige Berufssoldat aus Inzell Höhlenführer in der »Schellenberger Eishöhle« am Untersberg. Nun hat er seine Höhlen-Steigeisen buchstäblich »an den Nagel gehängt«, ist mit 73 Jahren in den wohlverdienten »Ruhestand« gegangen.


»Mein Körper hat mir gesagt: 18 Jahre Eishöhle sind genug«, erklärt Paul Schmaus. Etwa 1300 Tage seines Lebens verbrachte er in der 1824 entdeckten Höhle – um sie zu Saisonanfang für die Besucher begehbar zu machen, für die Führungen und für den Abbau nach Saisonende. Pro Tagesdienst ging er neun Mal durch die Höhle, in jeweils sieben Führungen für Gäste und zwei Kontrollgängen am Morgen und Abend. Dazu kam das dauernde Reden im feucht-kühlen Klima. »Das geht alles an die Substanz.«

Daher hörte Paul Schmaus lieber rechtzeitig mit seinem kühlen Ehrenamt auf, bevor ihn die gesundheitliche Situation vielleicht in zwei Jahren dazu zwingt. »Wobei es mir immer Spaß gemacht hat. Das wird mir fehlen«, gibt er zu. Seine in der Höhle verbrachte Zeit entspricht dreieinhalb Lebensjahren. Dabei hat er etwa 53.000 Besucher geführt. Menschen aus 54 verschiedenen Nationen entdeckten mit ihm die glitzernden Eisdiamanten, die Orgel aus Eis im »Mörkdom«, die Eissäulen in der »Josef-Ritter-von-Angermayer-Halle« und die Eismandl in der »Fuggerhalle«. Sogar aus Neuseeland, Australien, der Mongolei, Singapur oder Indonesien waren Besucher gekommen.

Viele seiner »Stammgäste« haben ihn explizit zu seinem letzten Jahr nochmal besucht. »Das Schöne ist der persönliche Kontakt zu jedem Besucher. Jeder der 53.000 Leute geht an Dir vorbei«, verrät der 73-Jährige. Anders als zum Beispiel bei einer Fahrt über den Königssee, wo am Schalter anonym das Ticket gekauft wird. Wenn Schmaus ein wenig mit seinem Gästen plauderte, sie zum Beispiel nach ihrer Herkunft fragte, waren diese stets begeistert. »Das sind die gar nicht gewohnt.«

Jedes Jahr hat er einen eigenen Ordner angelegt. Ein australischer Geldschein mit dem Bild von Queen Elisabeth II. ist ein Dankes-Geschenk einer Studentin aus Australien. »Die hatte nur 3,19 Euro. Andere Besucher haben ihr das auf fünf Euro aufgerundet, damit sie den Eintritt bezahlen konnte.« Einen eigenen Ordner hat er seiner abenteuerlichen Russland-Reise gewidmet – ebenfalls eine Frucht seiner Tätigkeit als Höhlenführer. Die russische Tourismus-Studentin Tanja Alexandra machte während ihrer Zeit als Aupair in Siegsdorf eine Führung bei Schmaus mit. »Da hat sich ein freundschaftlicher Kontakt aufgebaut.« Briefe gingen zwischen der russischen Großstadt Tschelabinsk im Ural und Inzell hin und her. Tanja lud ihn nach Russland ein und führte ihn in ihren Semesterferien durch zahlreiche russische Höhlen. In einer musste er ganz flach auf dem Bauch kriechen und kam dann zu einer Stelle im Fels, die »Weinende Madonna« heißt, weil der Fels auf einmal einer Madonnenskulptur ähnelt. Auch mit der Transsibirischen Eisenbahn fuhr er und ließ sich von Tanja einsame Landschaften mit Bergseen und Blockhäusern zeigen. »Jeder Wagen hatte eine eigene Schaffnerin. Es gab Teeküchen, wo sich jeder seinen Tee kochen konnte.« Wenn der Zug stehen blieb, hätten Marktweiber ihre Waren angeboten. »So eine Reise werde ich nie wieder erleben.« Leider sei der Kontakt mit Beginn des Kriegs in der Ukraine abgebrochen, bedauert er.

Seine Bilanz nach 18 Jahren: »Ich habe viel Glück gehabt, es ist nie etwas passiert.« Es habe durchaus brenzlige Situationen gegeben, etwa, als eine Eissäule kurz nach Führungsende umfiel. Der Klimawandel sei in der Höhle im Eingangsbereich spürbar. Unten gebe es weiter sehr viel Eis.

Nach seinem letzten Führungstag gab es von den neuen Wirtsleuten der Toni-Lenz-Hütte, Katharina und Mario Stumpf, einen kleinen Empfang mit einer gereimten Rede der Wirtin. Ihm zu Ehren wurde der Weg von der Toni-Lenz-Hütte zur Eishöhle »Paul-Schmaus-Steig« getauft, mit einem eigenen Holzschild, das während des Winters bei Paul Schmaus in Inzell aufbewahrt wird. 14 Eishöhlenführer und vier Hüttenpächter erlebte er. Er bleibe Mitglied des »Vereins für Höhlenkunde Schellenberg«, der 2025 sein 100-jähriges Bestehen feiert, und unterstütze weiter die Höhlenführer. Er freut sich, dass heuer als Nachfolgerin für ein paar Studenten, die aufgehört haben, mit Birgit Eder aus Salzburg die erste Höhlenführerin am Untersberg angefangen hat.

Wird es ihm nicht langweilig ohne Höhle? Paul Schmaus schüttelt den Kopf. Jetzt im Winter macht er die Handzeitnahme beim Eisschnelllauf in der Max Aicher Arena. Im Januar unterstützt er in Bad Tölz bei den »Special Olympics« die Langlauf-Wettbewerbe. Er möchte wieder selber mehr auf den Berg gehen, allein oder mit Lebensgefährtin Gabi und Hund, und auch mal »ganz in Ruhe und ohne Druck« auf der Toni-Lenz-Hütte einkehren.

Auch ein Geschenk von den Höhlenführern, einen Gutschein fürs Zeppezauer Haus am Untersberg, wird er einlösen. Er hat schon mehrere Angebote bekommen, als Aushilfe auf Berghütten oder für das Führen kleiner Wanderungen. »Aber ich habe noch nirgends zugesagt.«

vm