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Pfingstwunder zu Ostern: Musikalisch brillanter »Parsifal«

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Es begann in einem zeitlosen Raum, getragen von gläsernen schwebenden Säulen, mit einer Projektionsfläche für Phantasie und Assoziation. Es endete mit gestellten Bildern aus einem Passionsspiel, mit plumper Umsetzung christlicher Ikonographie. Dazwischen: Fünf Stunden Musik und Gesang vom Edelsten, vom Feinsten.


Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden haben die Sängerinnen und Sänger durch diesen Parsifal nicht nur »begleitet«, sondern »geleitet«: auf Händen getragen mit einem samtigen, durchhörbaren Orchestersound, der bei aller Klangfülle und Opulenz den Gesang nicht ein einziges Mal zudeckte. Linien konnten aufblühen, Spitzentöne erstrahlen, ganz ohne Kraftaufwand, in allen Partien. Christian Thielemann schien auf jeden Glanzeffekt, besonders im Bläsersatz, bewusst zu verzichten – um des umso überzeugenderen Effektes einer amalgamhaften Verschmelzung von Instrumental- und Vokalpart willen.

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Die ohnehin ein wenig introvertierte Parsifal-Partitur, aus der höchstens das Erlösungsmotiv in unterschiedlichen Farben und Klangfacetten herausblüht, bekam durch diese scheinbare Zurückhaltung erst recht einen magischen Sog. Allein schon deswegen, weil es keiner Anstrengung (ja kaum der deutschen Übertitel) bedurfte, um den Text zu verstehen. Eine Art Pfingstwunder zu Ostern war das.

Wie Stephen Milling die großen Erzählungen des Gurnemanz deklamierte! Wendig, geschmeidig, fast rezitativisch selbstverständlich, liedhaft schlank und zugleich mit klangvollem Schmelz. Wolfgang Koch sang die Partien des leidenden Amfortas und des zaubrischen Klingsor. Das vermittelte den (von Regisseur Michael Schulz vermutlich angestrebten) Eindruck, die beiden Figuren seien Ausprägungen einer Persönlichkeit: Tatsächlich fügt sich »der Mensch« ja einen Gutteil seiner Leiden und Wunden selber zu.

Das verstärkte aber auch zusätzlich den Eindruck der musikalisch-klanglichen Geschlossenheit der Aufführung. Johan Botha sang den Parsifal strahlend klar, ohne Anstrengung und Kraftaufwand, mit reichem Timbre, stimmlich deutlich wendiger, als darstellerisch. Michaela Schuster als Kundry ist der Glücksfall einer Sängerin, die stimmlich-technisch in jeder Phrase über ihrer Partie steht und ihrer Figur zugleich mit der Flexibilität einer Schauspielerin Leben und Tiefe verleiht.

Dieses Personal nun siedelte Regisseur Michael Schulz im Bühnenbild von Alexander Polzin an. Die Gralsburg ist ein weißes Viereck auf dem Boden, dessen niedrige Schwelle zu überschreiten für alle Betroffenen immer wieder eine Herausforderung darstellt. Im ersten Bild dominieren hohe gläserne Säulen, eindrucksvolle Projektionsflächen, die die Geschichte gleich einmal in ein abstraktes Nirgendwo verweisen: Modern und doch wohltuend zeitlos ist dieses erste Bild.

Leider geht dieser zeit- und ortlose Kontext schon im zweiten Bild verloren: Wir sind jetzt in Klingsors Zauberschloss. Der Grundriss ist der der Gralsburg. Das weiße Geviert ist jetzt vollgestellt mit Gerümpel aus einer Antikensammlung. Nasenlose oder sonstwie angeschlagene Herrschaften stehen nicht nur auf dem Boden herum, sondern hängen spiegelbildlich auch von der Decke, wozu erschließt sich nicht. Die Blumenmädchen erinnern mit ihren weißen hohen Lackstiefeln und Uniformen an Stewardessen oder Bond Girls aus den Sechzigern.

Der dritte Aufzug spielt auf einer Art Eisscholle. Mit der Erlösung des buhlerischen Gralskönigs und der Einsetzung eines keuscheren Nachfolgers geht es ans Eingemachte. Ist jetzt der Bühnenraum auch wieder leer geräumt, werden die Bilder umso plakativer: Ein Bilderreigen mit Versatzstücken christlicher Ikonographie zieht vorüber. Kundry, die ja verflucht war, als ewige Verführerin ewig zu leben, weil sie einst den sterbenden Heiland am Kreuz ausgelacht hat, schlüpft in die Rollen schier aller sündigen und wohltätigen Frauen, die Bibel und Heiligenkalender vorkommen: Sie wäscht Versehrte und Tote (die Gralsritter verhungern ja inzwischen reihenweise, weil Amfortas selber sterben will und den nährenden Gral nicht mehr herausrückt), salbt Hände und Füße sogar mit ihrem Haar (ein echter Tiefpunkt).

Eine »Botschaft« der Regie will sich als Summe dieser disparaten Elemente nicht einstellen. Der plumpe Bilderbogen des dritten Aufzugs hat die anfänglich so große Lust zum Dechiffrieren längst vertrieben. Nicht aber die Freude und die Dankbarkeit für die musikalisch und sängerisch so überzeugenden und bewegenden Weihestunden.

Die zweite Aufführung bei den Osterfestspielen ist am Ostermontag um 17 Uhr im Großen Festspielhaus. Heidemarie Klabacher

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