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Pflegeausbildung auch in Zeiten des Coronavirus'

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Berufsfachschule Traunstein: Pflegeausbildung auch in Zeiten des Coronavirus'
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In der Geschäftsführung der Kliniken Südostbayern AG begrüßten Vorsitzende Elisabeth Ulmer (links) und der Medizinische Direktor Dr. Stefan Paech (Zweiter von rechts) sowie der Leiter des Bildungszentrums, Rupert Übelherr (rechts), Lutz Krüger (Mitte), der im 1. Mai die Leitung der Berufsfachschulen übernahm. (Foto: Kliniken Südostbayern)

Traunstein – Wie sehr Fachkräfte in der Pflege überall fehlen, hat gerade die Corona-Krise deutlich gezeigt. Deshalb wird im Bildungszentrum für Gesundheitsberufe der Kliniken Südostbayern AG in Traunstein alles unternommen, um auch in Corona-Zeiten die Pflegeausbildung am Laufen zu halten.


Wie alle Schulen sind auch die Schulen des Bildungszentrums, in dem jährlich rund 290 Schüler in der Pflege, der Krankenpflegehilfe und der Operations/Anästhesietechnischen Assistenz ausgebildet werden, von der bundesweiten Schulschließung betroffen. »Eine große Herausforderung«, wie der Leiter des Bildungszentrums, Rupert Übelherr, betont. So musste der Unterricht mit Selbststudienaufträgen umorganisiert werden.

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Für 40 Medizinische Fachangestellte, die normalerweise in der Staatlichen Berufsschule II Traunstein beschult werden, muss das Bildungszentrum die praktische Ausbildung in den Kliniken organisieren. Betreut werden auch rund 30 Bundesfreiwilligendienstleistende und bis zu 450 Praktikanten im Jahr, von FOS-Praktikanten bis hin zu Praktika im Rahmen der Notfallsanitäterausbildung oder von Medizinstudenten im Pflegepraktikum.

»Schließen ist leichter als öffnen«

»Schließen ist leichter als öffnen«, sagt Übelherr. Aktuell gehe es darum, die Abschlussklassen in der Krankenpflege in Bad Reichenhall und Traunstein auf die schriftliche, praktische und mündliche Examensprüfung vorzubereiten. Derzeit werden die Examensklassen unter strengeren hygienischen Auflagen unterrichtet als in allgemeinbildenden Schulen.

»Die Klasseneinteilung erfordert eigentlich doppelte Lehrerstunden«, stellt Übelherr fest. Das Problem sei zum einen, wo man die Lehrer her bekomme, zum anderen, wer die Mehrkosten zahle. Eine digitale Ausbildung sei nicht möglich, weil die Ausstattung fehle und der größte Teil der fachpraktischen Ausbildung mit engem körperlichem Kontakt verbunden sei. Das müsse man verschieben.

Schüler, die in Covid-Bereichen eingesetzt waren, müssen zwei Wochen mit Selbststudienaufträgen zuhause bleiben. »Wir müssen aufpassen, dass die Schüler in der Examensphase keinen Kontakt mit Covid-Patienten bekommen und ihre praktischen Einsätze so organisieren, dass alle gesichert ihren Abschluss machen können«, so Übelherr.

Der größte Teil der Examensklassen habe bereits Arbeitsverträge mit der Kliniken Südostbayern AG und müsse am 1. Oktober mit einem abgeschlossenen Examen zur Verfügung stehen. Mit der Ausbildung kann man in Traunstein sowohl am 1. April als auch am 1. September (neu ab 2020) beginnen, in Bad Reichenhall am 1. September. Vor allem im April gab es weniger Bewerber. Waren das zuvor im Durchschnitt 25 junge Leute, sind es heuer nur 16 Schüler. Hauptgründe seien der allgemeine Rückgang der Schulabgängerzahlen aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge und die Nachfrage in allen Ausbildungsberufen im Herbst.

Ende Mai startet praktische Ausbildung

Wegen der Schulschließung mussten die neuen Schüler am 1. April gleich drei Wochen in Urlaub geschickt werden. Dann verbrachten sie zwei Wochen mit Selbststudienaufträgen daheim. Im Mai erfolgt nun die Einweisung in die Krankenhauspraxis, sodass Ende Mai die praktische Ausbildung beginnt.

Eine weitere Herausforderung sei die Umstellung auf die »generalistische« Ausbildung aller Pflegeberufe (Alten-, Kinder- und Krankenpflege) zum 1. September. Die Berufsbezeichnung lautet dann nicht mehr »Gesundheits- und Krankenpfleger«, »Altenpfleger« oder »Kinderpfleger«, sondern für alle »Pflegefachkraft«. Die Spezialisierung erfolgt erst nach dem Examen über Fachweiterbildungen, es können aber während der Ausbildung Schwerpunkte im Bereich Pädiatrie oder Altenpflege gesetzt werden.

Ausbildungsbündnis Pflege für zwei Landkreise

In der »generalistischen« Ausbildung arbeiten künftig die Berufsfachschulen für Pflege Traunstein, Bad Reichenhall und Insula Bischofswiesen eng zusammen. Zusammen mit den meisten Einrichtungen der ambulanten und stationären Altenpflege ist ein Ausbildungsbündnis Pflege für die Landkreise Traunstein und Berchtesgadener Land geplant. Unter dem »Dach« der Gesundheitsregionen Plus beider Landkreise soll damit der Ausbildungsbedarf nachhaltig gesichert werden.

Neu ist an Hochschulen ein »grundständiges« Studium zum Bachelor für Pflege, das den Berufsabschluss als Pflegefachkraft beinhaltet. In Traunstein und Bad Reichenhall wird aber weiter das duale System aus Berufsausbildung in der Berufsfachschule und dem Studium in Kooperation mit der TH Rosenheim geboten. Vorteil: Der Auszubildende erhält eine Vergütung.

Die Corona-Krise habe die Nachteile des Pflegeberufs eklatant zum Vorschein gebracht: schlechte Bezahlung bei sehr hoher Arbeitsbelastung, besonders in der Altenpflege, so Übelherr. Hier müsse der größte Anteil der Pflegeleistung ohnehin von pflegenden Angehörigen erbracht werden; ganz zu schweigen von den etwa 300.000 größtenteils illegal arbeitenden Pflegekräften aus dem Ausland. »Ohne sie würde die häusliche Pflege zusammenbrechen«, so Übelherr. Deshalb schaue der Staat auch nicht so genau hin.

Rund 150.000 in Deutschland ausgebildete Pflegekräfte arbeiteten im grenznahen Ausland oder Skandinavien, weil sie dort rund ein Drittel mehr Gehalt bekämen. Zudem seien die Arbeitsbedingungen erheblich besser und die Anerkennung des Pflegeberufs viel größer. Darüber hinaus seien zwischen 150.000 und 200.000 Pflegekräfte in andere Berufe abgewandert. Rund 80 Prozent der Mitarbeiter in der Pflege seien außerdem Frauen, von denen 60 bis 80 Prozent in Teilzeit arbeiten.

»Wenn wir die Arbeitsbedingungen so attraktiv gestalten, wie jetzt versprochen wird, können wir diese Pflegekräfte wieder zurückholen«, ist Übelherr überzeugt. Er glaubt aber erst daran, wenn Fakten geschaffen werden. Jetzt müsse man die Stimmung ausnutzen.

Neben klatschen auch zahlen?

Es sei spannend, ob die Gesellschaft, die jetzt noch klatsche, bereit sei, die Mehrkosten, bei denen es um mehrere hundert Millionen Euro gehe, mitzutragen. Entweder müssten die Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung erhöht, eventuell auch zusätzliche Steuermittel bereit gestellt werden. Zudem sei die Gesundheitsversorgung ökonomisiert und zu einem großen Teil privatisiert. Übelherr bezweifelte allerdings, ob vor allem private Krankenhausträger oder Träger von Einrichtungen der Altenpflege, die auf Profit ausgerichtet sind, bereit seien, die höheren Personalkosten mitzutragen. fb