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Phantastisches Können und herrlicher Spielwitz

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Das dritte Streichenkonzert bei einer akzeptablen Wetterlage, so zwischen dem Strahlen des ersten und dem Weinen des zweiten, brachte noch nie gehörte Töne ins Kircherl – »Klassik und ein Schritt weiter«.


Das famose Quartett »Passo Avanti« (Sergey Didorenko, Violine; Alexander von Hagke, Klarinette, Quer- und Piccoloflöte und Arrangements; Alex Jung, E-Gitarre; Eugen Bazijan, Cello), das sich beim Musikstudium in München kennengelernt hatte, legte eine Symbiose von Klassik und Jazz hin, die weit entfernt war von den müden Versuchen, klassische Melodien mit swingenden Rhythmen »aufzupeppen«. Tags zuvor hatten sie auf Schloss Amerang konzertiert und auch dort ihre neue CD »Delikatessen« präsentiert.

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Die erste davon blühte unmittelbar aus dem »Chaos« des Instrumentenstimmens auf, Händels Thema zur »Ankunft der Königin von Saba«. Raffiniert legten die Vier noch etwas ein, das wie »Stimmen« klang, woraus sich aber eine witzige Auseinandersetzung mit dem Themenmaterial entwickelte. Danach begrüßte Alexander von Hagke die Konzertbesucher mit einem »hohen Lob der Akustik an einem sehr schönen Ort«. »Golliwog’s Cakewalk« aus der »Petite Suite pour Piano« von Claude Debussy endete im Stil der Country-Music.

Drei Szenen aus den Peer Gynt-Suiten von Edvard Hagerup Grieg schlossen sich an. Die sanfte »Morgenstimmung« irritierten die Musiker mit einem Thema aus Mozarts »Kleiner Nachtmusik«, dixie-artig endete Solveigs melancholisches »Lied«, und bei der ruppigen und kantigen »Halle des Bergkönigs« wurde mit einer Mords-Gitarren-Improvisation klar, welch harter Typ der gewesen sein muss. Der Klarinettist fragte vorsichtig an, ob »den Zuhörern schon aufgefallen ist, dass wir die Stücke nicht ganz original ...« und erntete damit verständnisvolles Schmunzeln. Das »Air in G« von J. S. Bach spielten die Vier voller Ehrfurcht, »weil das Stück so perfekt ist«, und gestatteten sich »nur kleine Änderungen«, die aber zu großer Intensität beitrugen. Das Ziel des Quartetts ist ja, wie ein Streichquartett musizieren zu können, aber eben noch einen Schritt weiter zu gehen (»passo avanti«), ohne das Terrain zu verlassen.

Aus der leichteren Sparte der Musik, »was nicht heißt, dass es leicht zu spielen sei«, kamen ziemlich respektlos zwei Stücke aus der Wiener Strauß-Dynastie, vom Sohn die »Tritsch-Tratsch-Polka« mi body-percussion auf dem Cello-Körper und einer virtuosen Gipsy-Geige, vom Vater der »Radetzky-Samba mit einer äußerst frechen Piccoloflöte. Der »Ungarische Tanz« Nr. 5 von Johannes Brahms klang mit dem Pizzikato-Anfall des Cellisten viel ungarischer als der Originalton des Komponisten.

Nach einem Besuch des Loreley-Felsens hatte Alexander von Hagke sein »Loreley: revisited« entworfen, sauber kammermusikalisch durchkomponiert, mit sanften Zwiegesprächen zwischen Klarinette und Violine. Zwei Nummern aus Giuseppe Fortunino Verdis Oper »Rigoletto« begeisterten: »Caro Nome«, respektlos, aber gekonnte »verwurstet«, herrlich schräg und skurril kitschig, und »La donna e mobile« (»nicht: die Frau ist beweglich, sondern: wankelmütig!«) gipfelte in einem Violinsolo wie weiland bei Stepháne Grapelli; Cello und Gitarre fungierten dabei als »Rhythmusgruppe«.

Das große Durchatmen des Publikums bewirkte die »Waldesnacht« von Brahms, wie von einem Streichquartett gestaltet; prachtvolle eigene Variationen schlossen sich an. Für seine zweite Ehefrau Anna Magdalena schrieb J. S. Bach ein »Notenbüchlein« zum Klavierüben, dessen »Musette« »Passo Avanti« gnadenlos verarbeiteten, mit einem mit dem Wah-Wah-Pedal à la Jimi Hendrix witzig verzerrten Teil – J. S. Bach hat da von oben gar nicht protestiert. Zur Zugabe meinte Alexander von Hagke, »wir haben Grund zur Annahme, dass sich Chopin nicht nur in Mallorca aufhielt, sondern sich noch weiter in Richtung Südamerika bewegt hat« – zum Beweis legten sie einen Bossa Nova-Rhythmus unter das Prelude e-Moll, unwiderstehlich!

Reine Freude hatte sich inzwischen bei den Zuhörern ausgebreitet. Engelbert Kaiser