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Philharmonie vertont alten Predigtstuhlfilm neu

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Erstaufführung der Neuvertonung. (Foto: Bauregger)

Einen außergewöhnlichen Konzertabend veranstaltete die Bad Reichenhaller Philharmonie in der Konzertrotunde am Kurgarten. Im zweiten Teil des Konzertes wurde nämlich die Neuvertonung des Stummfilmes über die Predigtstuhlbahn »Drahtseile in den Himmel« von 1928 uraufgeführt, der in Kooperation mit dem Museum der Deutschen Bahn in Nürnberg und der dortigen Hochschule für Musik entstanden ist.


Zumindest für die Besucher bot die Bühne in der Konzertrotunde ein ganz neues Szenario. Fast vor jedem zweiten Instrument war ein professionelles Studiomikrofon installiert, links und rechts des Dirigentenpults standen zwei Plattenmikrofone und die Schlagwerker waren sogar durch eine bauchhohe Wand aus Glasplatten zum übrigen Orchester fast abgeriegelt. Dies hielt die Musiker aber nicht davon ab, die ausgewählten Konzertstücke in gewohnt hoher Qualität zu Gehör zu bringen. Dies waren ebenfalls sorgfältig, mit direktem Bezug zur Kurstadt Bad Reichenhall, aus dem Archivmaterial des Orchesters ausgesucht worden.

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So erklangen im ersten Teil des Kurkonzertes der Konzertwalzer »Die Hydropaten« und die Polka schnell »Durch Dick und Dünn« aus der Feder des Orchestergründers Josef Gungl, der das Orchester, nach seiner Gründung 1868, zwei Jahre lang geleitet hat. Die weiteren Werke »Kleine Konzert-Overtüre« und das Potpourri aus »Die Hochzeit des Figaro« komponierte dessen Schwiegersohn Gustav Paepke, der von 1879 bis 1921 Leiter des Klangkörpers war.

Eine weitere Besonderheit lag in der Person des Dirigenten Benedikt Ofner. Er leitete nicht nur die Einspielung des Soundtracks, sondern dirigierte, als Abschluss seiner Bachelor-Arbeit an der Musikhochschule Nürnberg, mit viel Gefühl, exakter und engagierter Stabführung sowie bestechender und verbindlicher Körpersprache das komplette Konzert. Sein Professor an der Nürnberger Hochschule, Guido Johannes Rumstadt, führte mit amüsant und unterhaltend vorgetragenen Informationen über die Konzertstücke, die Hauptakteure und das gemeinsame Projekt, durch den besonderen Konzertabend.

Mit Spannung erwarteten die Konzertbesucher dann die Erstaufführung der neu komponierten Filmmusik zum Schwarzweiß-Film »Drahtseile in den Himmel« aus dem Jahre 1928, der seit etwa 1935 im Archiv der damaligen Filmstelle der Deutschen Bahn und heutigen Museum schlummerte. Dazu wurde der Konzertraum abgedunkelt, um den Film auf einer eigens aufgebauten, großen Leinwand besser verfolgen zu können. Die Musikerinnen und Musiker der Bad Reichenhaller Philharmonie untermalten den Film in guter Tradition eines Filmpalastorchesters mit der neu arrangierten Komposition live.

Frank Strobel gilt als renommierter Spezialist für Filmmusik, leitet seit vielen Jahren Einspielungen von Orchestermusiken zu aktuellen Spielfilmen und arbeitet andererseits auch als musikalischer Partner mit berühmten Interpreten und Orchestern weltweit zusammen. Bis 1998 war Frank Strobel Chefdirigent des Filmorchesters Babelsberg. Seit 2000 ist er der künstlerische Leiter der Europäischen Filmphilharmonie, die er mitbegründet hat. Seit vielen Jahren berät er das Stummfilmprogramm von ZDF/Arte.

Als Grundlage seiner Neuvertonung des Predigtstuhlfilmes verwendete er die »Reichenhaller« Kompositionen »Berge im Sonnenschein« von Walter Scheibe und »Ferienfreuden in Bad Reichenhall« von Horst K. Müller. Gekonnt und stimmig-passend verwendete er Teile dieser beiden Konzertwerke zu den Filmsequenzen, in der geographische wie technische Skizzen und Detailinformationen zur Predigtstuhlbahn, Luftbilder von Bad Reichenhall, der Umgebung und einem unbeschwerten Dasein und touristischer Betriebsamkeit rund um die Bergstation auf dem Predigtstuhl im Sommer und im Winter zu sehen sind.

Amüsant war es für viele der Besucher allemal, wie die Zimmer vor fast 90 Jahren im Berghotel ausgestattet waren und die heile Bergwelt 1928 für die Sommerfrischler, im Gegensatz zur heutigen Zeit der sozialen Netzwerke und der Internets, dargestellt und kommuniziert wurde. Dass die Umsetzung des Projektes der Neuvertonung gelungen war, zeigte der lang anhaltende Applaus der Konzertbesucher. Werner Bauregger

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