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Plädoyer für einen Neuanfang

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Mit seinem Programm »Paradigma« gastierte Django Asül im Trostberger Postsaal. (Foto: Heel)

Kann es sein, dass wir heute mit Vorwürfen (zu) schnell bei der Hand sind? Zum Beispiel bei Peer Steinbrück, dem vorgeworfen wurde, dass er sich kaum im Bundestag blicken ließ und stattdessen lieber Vorträge hielt. Na und, meint der Kabarettist Django Asül dazu: »Der Mann wollte eben nicht Versuchung geraten, von Lobbyisten belästigt zu werden und ist deswegen auch nicht bestechlich, sondern nur käuflich.« Oder im Fall von Innenminister Friedrich und den NSU-Fahndungspannen: »Wie sollte der wissen, dass beim Verfassungsschutz ein Kombigerät benutzt wird, das Fax und Aktenvernichter in einem ist?« Und was den Ruf nach einem Verbot der NPD betrifft: »Da soll man doch lieber versuchen, die FDP zu verbieten, denn Sinnlosigkeit ist leichter nachzuweisen als Gewalt.«


Zeit also, die Parameter neu einzustellen, sich neu zu orientieren. Weswegen Django Asül sein neues Programm auch »Paradigma« benannt hat, was soviel wie »Sicht auf die Dinge« bedeutet. Das hätte er natürlich auch mit diesen Worten sagen können, so Django Asül, der türkisch-stämmige Kabarettist mit dem unverkennbar niederbayerischen Dialekt bei seinem Auftritt im ausverkauften Trostberger Postsaal, aber da er unbedingt einen griechischen Titel haben wollte… . Zumal Griechenland »die Wiege der Demokratie, also der Anfang vom Ende ist«.

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Nur naheliegend also, dass er sich auch die EU vornimmt, den ESM als »Nächstenliebe powered by Notenpresse« bezeichnet, die den Parlamentariern viel Freizeit bescheren würde, während Mario Draghi nach seiner Karriere bei Goldman & Sachs nun auch als »Experte für Beschiss in der EU« agieren könne. Verdient sei hingegen der Friedensnobelpreis für die EU, schließlich habe bis heute niemand »ohne kriegerische Auseinandersetzung einen so großen Schaden produziert.«

Aber auch die (bayerische) Innenpolitik kommt nicht zu kurz: So attestiert er Horst Seehofer Wankelmut bzw. »konstante Flexibilität«, bezeichnet Alexander Dobrindt als »Brillengestell mit Anzug darunter« und macht sich über Christian Udes Geografieschwäche »Das Werk kommt nicht nach Nürnberg, das bleibt in Bayern« lustig. Und Merkel »erreicht alles, was sie nicht will, weil glaubwürdig: Nie Sache, nur Amt.«

Ebenfalls im eher harmlosen Bereich bleiben auch seine Wortspiele über Wahlprognosen der CSU: »nicht weniger als 50 Prozent, aber mehr als die Hälfte«, oder über die Zustände an unseren Schulen. Da sind »die einen grantig, die anderen migrantig« und »früher kamen die Kinder aus der Schule heim, heute aus der Spätschicht.«

Schön boshaft dafür seine Aussagen zur Partnerschaft wie »sorgen muss man sich, wenn's klappt« und »wenn's funktioniert, macht mindestens einer alles verkehrt«, denn merke: »Für die meisten Frauen sind Gefühle reine Emotionssache.« Und nachvollziehbar auch seine Empfindungen bei seiner Einbürgerung, wenn ihm empfohlen wird, als nunmehr Deutscher »den Druck der historischen Verantwortung zu genießen« und er anschließend drei junge Türken, die ihm auf der Straße entgegenkommen, anschnauzt: »Wer hat euch denn hier reingelassen?« Kurz gesagt: Es war ein eher durchwachsenes Programm, in dem vieles, vielleicht zu vieles angesprochen wurde. Kurzweilig ja, aber ohne die Schärfe und den bösen Witz, die wir sonst von Django Asül gewohnt sind. Wolfgang Schweiger