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Politischer Druck auf Uli Hoeneß nimmt zu

München (dpa) - Mit emotionalen Plädoyers haben die Bayern-Granden ihrem angeschlagenen Präsidenten Uli Hoeneß demonstrativ den Rücken gestärkt. Aber der Druck auf Hoeneß vor allem aus der Politik nimmt zu.

Bayern gegen Barcelona
Der Fall Hoeneß ist längst zum Politikum geworden. Foto: Marc Müller Foto: dpa

Nach den Enthüllungen in der Steueraffäre und der vorübergehenden Festnahme des Vereinspatrons forderten am Mittwoch nicht nur Innenminister Hans-Peter Friedrich und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück volle Aufklärung ohne Promi-Bonus. Zwei Drittel der Deutschen erwarten einen Rücktritt von Hoeneß, der selbst nur mit einem persönlichen Imageschaden rechnet. «Mir ist klar, dass meine Glaubwürdigkeit darunter leidet. Aber da muss ich jetzt durch», sagte er der «Sport Bild».

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Noch am Dienstagabend hatte der Unternehmer die magische Münchner Fußball-Gala gegen den FC Barcelona mit einem Siegerlächeln bejubelt. «Ich glaube, es ist wichtig, dass man in einer schwierigen Situation auch loyal zu seinem Freund steht, und ich habe den Eindruck heute ganz klar gewonnen, dass der gesamte FC Bayern total loyal zu unserem Freund Uli Hoeneß steht», sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge nach dem 4:0 im Halbfinal-Hinspiel der Champions League.

«Es ist bekannt, dass wir Freunde sind und man kann sagen, dass in der jetzigen Situation wir noch engere Freunde geworden sind, weil ich denke, dass alles was auf ihn niederprasselt aus meiner Sicht zu exzessiv ist», erklärte Bayern-Trainer Jupp Heynckes mit viel Pathos. «Uli hat natürlich einen Fehler gemacht, aber Uli Hoeneß ist ein ganz wertvoller Mensch.»

Nur Stunden später wurde Hoeneß von der Debatte um das größte Foul seiner Karriere wieder eingeholt. Der Fall müsse so untersucht werden «wie bei jedem anderen auch. Kein Prominenten-Bonus, aber auch kein Prominenten-Malus», betonte Steinbrück im ARD-«Morgenmagazin» vor einer Aktuellen Stunde des Bundestags zum Thema Steuerhinterziehung. Auf die Frage, ob Hoeneß zurücktreten oder seine Ämter ruhen lassen solle, sagte er: «Das muss er selber entscheiden, das muss er abwägen mit Blick auf die Verfehlungen, eventuell sogar die Straftaten, die er begangen hat.»

Bei allen Verdiensten sei Steuerhinterziehung nicht zu akzeptieren, betonte Friedrich. Falls sich die Vorwürfe als richtig herausstellten, «ist es nicht in Ordnung. Und da muss er auch so behandelt werden wie jeder Bürger. Nicht schlechter, nicht besser. Dafür haben wir Gesetze und die Gesetze gelten», so der CSU-Politiker. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sprach von einem «beklagenswerten Einzelfall», der viele Menschen enttäuscht habe.

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, wertete das Verhalten von Hoeneß als strafbar und «zutiefst unmoralisch». «Wer betrügt, darf sich nicht länger über Landesgrenzen hinweg sicher fühlen können.» Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, prophezeite, dass Hoeneß die Affäre nicht unbeschadet überstehen wird: «Ich vermute, dass sich Hoeneß nicht im Amt des Präsidenten halten kann.»

Für ein Abdanken sprachen sich in einer repräsentativen Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstitutes YouGov im Auftrag der «Bild»-Zeitung (Donnerstag) auch 63 Prozent der Befragten aus. Einen Rückzug hatte der Aufsichtsratschef des deutschen Rekordmeisters zuletzt ausgeschlossen. «Solange die Sache nicht endgültig geklärt ist, wäre es wichtig und richtig, das Amt ruhen zu lassen», sagte Christian Strenger, Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Donnerstag). Diese gibt Empfehlungen zu guter Unternehmensführung bei börsennotierten Firmen. «Mit Blick auf die Wirkung auf den Fußball im Allgemeinen und Bayern München im Besonderen wäre es allerdings besser, wenn er sein Amt niederlegte», betonte Strenger, Aufsichtsrat bei der DWS Investment GmbH.

Mit solchen Überlegungen wollten sich seine Weggefährten erst gar nicht beschäftigen - obwohl gegen Hoeneß laut Informationen der «Süddeutschen Zeitung» ein Haftbefehl vorlag, der außer Vollzug gesetzt wurde. Dies wurde der dpa aus Justizkreisen bestätigt. Ein Haftbefehl muss nicht der Grund für eine gescheiterte Selbstanzeige sein. Der Anwalt von Hoeneß gab auf Anfrage keinen Kommentar ab.

Öffentlich schwieg auch Hoeneß am Dienstagabend. Vor der VIP-Loge nahm der 61-Jährige äußerlich gelöst mit einem rot-weiß-roten Schal um den Hals die Schulterklopfer entgegen. Auch beim Rückspiel in Barcelona dürfte er sein Team begleiten. Vor zwei Wochen hatte er nach der vorläufigen Festnahme auch den Viertelfinalerfolg bei Juventus Turin gefeiert. Der AG-Chef sei «im Moment nicht glücklich und angespannt», berichtete Rummenigge aus dessen Innenleben. «Aber ich glaube, er hat eben hier im FC Bayern eine Bastion, die total stabil zu ihm steht.»

Ehrenpräsident Franz Beckenbauer nahm seinen langjährigen Weggefährten ebenfalls in Schutz und wertete den Fall sogar als Petitesse. «Der Uli ist so, er kämpft an allen Fronten, er macht zehn Dinge gleichzeitig, da vergisst er halt zwischendurch mal was», meinte der Weltmeister von 1974 beim Pay-TV-Sender Sky. Die Börse sei ein «Hobby» von Hoeneß gewesen. «Das war sein Spielzeug, er hat damit gespielt. Dass er ein bisschen übertrieben hat - ich weiß auch nur das, was in den Zeitungen steht, und vergessen hat, Steuern abzuführen, dafür muss er halt geradestehen.»

Die «Süddeutsche Zeitung» und die «Bild» hatten berichtet, dass in die Affäre um Hoeneß auch der frühere Adidas-Vorstandsvorsitzende Robert Louis Dreyfus verwickelt gewesen sein soll. «Etwaige private Geschäfte zwischen Robert Louis-Dreyfus und Uli Hoeneß kann der adidas Konzern nicht kommentieren», teilte der Sportartikelhersteller und Bayern-Hauptsponsor der dpa auf Anfrage mit. Der ehemalige Konzern-Chef sei nicht in Verhandlungen über «die strategische Partnerschaft» mit dem Club involviert gewesen, hieß es zudem.

Herbert Hainer hatte das Amt des Vorstandsvorsitzenden am 8. März 2001 von Dreyfus übernommen, die Partnerschaft zwischen Adidas und den Münchnern wurde am 18. September 2001 bekanntgegeben.

Dass zumindest die Mannschaft das öffentliche Schauspiel um ihren Boss nicht beeindruckt, demonstrierte sie gegen Barça. «Das ist kein Thema für uns. Man sieht ja, dass wir uns auf den Fußball konzentrieren. Alle anderen Sachen - da kennen wir uns nicht aus, da äußern wir uns auch nicht zu», sagte Nationaltorwart Manuel Neuer. Das Champions-League-Finale im Londoner Wembley-Stadion ist den Münchnern kaum noch zu nehmen, das Triple so nah wie selten. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Hoeneß derart am Pranger steht, hat der FC Bayern den größten Triumph seiner Vereinsgeschichte vor Augen. Es wäre auch das Lebenswerk des 61-Jährigen.