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Prägnante Großwerke in packend-gültiger Gestalt

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Die Pianistin Dana Borsan mit den Geigerinnen des Ersten Pultes der Bad Reichenhaller Philharmonie. (Foto: Kaiser)

Das vierte der Sinfonischen Konzerte Traunstein, das letzte der Bad Reichenhaller Philharmoniker in der Aula der Berufsschule in diesem Jahr, bereitete den Zuhörern mit zwei Großwerken von Pjotr Iljitsch Tschaikowsky beeindruckenden, ungetrübten Hörgenuss: die Meisterpianistin Dana Borsan brillierte im Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 (1874); nach der Pause folgte die Sinfonie Nr. 5 e-Moll (1888). Beide Werke dirigierte, unaufgeregt und überlegt, Christoph Adt.


In einem Brief an die »geliebte Freundin« Nadjeschda von Meck bezeichnete Tschaikowsky das Verhältnis von Klavier und Orchester als einen »Kampf zweier ebenbürtiger Kräfte«, in dem »der kleine, doch geistesstarke Gegner ... siegt, wenn der Pianist begabt ist«. Ganz von diesem Kampf ist das 1. Klavierkonzert geprägt; es entstand schon fünf Jahre vor diesem Ausspruch, der wie für Dana Borsan formuliert scheint. Die blockhaften Akkordfundamente zum Thema des 1. Satzes, dem wohl berühmtesten Thema des Werkes, die klar strukturierten Läufe und Figuren zeigten eine unwiderstehliche Vereinigung von hoher Virtuosität und tief gründendem Gestaltungswillen.

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Die Pianistin reizte die Möglichkeiten des »Sommerkonzert-Steinways« bis an seine Grenzen aus, wurde der nervös-unruhigen Haltung dieser publikumswirksamen Musik in ihrer »fast schon lästigen Allgegenwart« (Attila Csampai) überzeugend gerecht. Nach den aufregenden Gipfeln des 1. Satzes und den sehnsüchtigen Tälern und Ebenen dazwischen öffnete sich das vergleichsweise kurze »Andantino semplice« für die tiefromantische russische Seele, und das ohne jegliche Sentimentalität, vergnügt und schon fast volkstümlich tänzerisch. Der kraftvolle 3. Satz (»Allegro con fuoco«) wetteiferte an Brillanz mit dem Anfangs-Allegro, nicht nur im Klavierpart, sondern auch in den Anforderungen an das Orchester, das sich der Pianistin als ebenbürtig erwies.

Nach der Pause versammelte Christoph Adt sein Orchester in einer intensiven Konzentrationspause, bevor er es, sensibel-düster, die 5. Sinfonie mit dem Schicksalsthema beginnen ließ. Der berührenden Klarinettenmelodie schloss sich die gesamte vorzügliche Holzbläserriege an und leitete über zu einem ersten ekstatischen Aufschwung. Dieser Wechsel zwischen lyrischen und trotzig-verzweifelten Stimmungen prägte die ganze Sinfonie, das Schicksalsmotiv schloss sie in je verschiedenartiger Prägung zusammen.

Kämpferisch klang es im 2. Satz, der exemplarisch die begnadete Instrumentationskunst Tschaikowskys vorstellte. Meisterlich spürten Dirigent und Orchester ihr nach. »Valse«, die Bezeichnung des 3. Satzes, zeigte die Nähe zum französischen Vorbild Leo Delibes, bevor auch hier am Schluss des zuvor problemlos strömenden Walzers sich das Schicksalsthema in eigenwillig synkopierter Gestaltung resignierend meldete.

Sonorer Streichergesang eröffnete den Finalsatz, der noch einmal alles an emotionaler Spannung aufbot. Das Schicksalsthema erklang am Beginn scheinbar sieghaft in Dur, wurde durch die weiteren Entwicklungen aber in Frage gestellt und gebrochen, klang in der Coda ironisch-skeptisch, ja verzweifelt – eine Entwicklung, die man als Zuhörer nur »auf der Stuhlkante sitzend« miterleben konnte. Engelbert Kaiser

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