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Preußischer Stil und poetischer Sinn

Was denn, Schinkel? Der in München? Der Berliner? Was tut der Preuße denn in Bayern? Wo wir doch eh unseren Klenze haben, der Ludwigs I. Residenzstadt zum Isar-Athen machte. Und mit der Glyptothek und Alten Pinakothek das alte Griechenland nach Deutschland brachte. Was Leo von Klenze für München, das war Karl Friedrich Schinkel (ohne Adelsprädikat!) für Berlin.

Karl Friedrich Schinkel: Sternenhalle der Königin der Nacht. Theaterprospekt für Mozarts »Zauberflöte«. (Foto: Hans Gärtner)

In der breit angelegten, auf dem dreijährigen Forschungsprojekt »Das Erbe Schinkels«, 2009-2012, des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen Berlins beruhenden Ausstellung der Hypo-Kunsthalle wird man klüger: Schinkel übertraf »unseren« Klenze (mitsamt Friedrich von Gärtner) um einige Längen und Breiten. Unfassbar, was dieser gebürtige Neuruppiner, der aus bescheidenen Verhältnissen emporstieg zum Hofbeamten, an Lebensleistung für die Berliner – ach, was: die deutsche – Kunst des frühen 19. Jahrhunderts vollbrachte. Dem Ausstellungsbesucher verschlägt es den Atem angesichts dieses Universalgenies der visuellen Gestaltung. Kein Wunder, dass der Bundespräsident Joachim Gauck die Schirmherrschaft dieser Schau übernahm.

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In zehn unterschiedlich ausgemalte Räume teilten die Kuratoren die mehr als 300 Exponate, ordneten sie nach Gewichtung, sorgten für Überraschungen (das bewegliche Panorama »Der Brand von Moskau«, 1812, lässt ein paar Minuten staunen über die politisch ernsthaft gemeinte Verspieltheit des preußischen Superhirns), beließen Dunkles (Schinkels »Gotischen Dom am Wasser«, 1813) im Abgedeckten und wurden auf sensible Weise dem mit 5500 Werken rein quantitativ schlecht zu schlagenden Multitalent gerecht: dem beamteten Bau- und Stadtplaner, dem Begründer des sogenannten »Preußischen Stils«, dem Visionär nahe am Fantasy-Phänomen unserer Zeit, dem Maler reizvoller Naturidyllen, dem strengen Designer, der Sinn für Poesie bewies.

Historisch ist das Wirken Karl Friedrich Schinkels eine einzige individuell-intellektuelle künstlerische Antwort auf das Wüten des zerstörerischen Franzosen Napoleon. Darin waren sich der bayerische und der preußische König einig: Das Heil liegt in der Rückbesinnung auf das gigantische, seelenhafte Hellas der Antike, das Winkelmann als Ideal verfolgt und als Sehnsuchtsprogramm aufgestellt hatte. Aus allen bedachtsam ausgewählten Exponaten spricht jedenfalls patriotische Gesinnung – wenn nicht gar Anmaßung. Verdichtet ist das in der Tatsache, dass das Eiserne Kreuz (E. K.), die noch von Hitler verliehene Kriegsauszeichnung, auf einen Entwurf Karl Friedrich Schinkels zurückgeht, der im Auftrag des Ordensstifter-Königs Friedrich Wilhelm III. von Preußen gefertigt wurde.

Eichenlaub und Schwertern – den auf dem E. K. prangenden deutschnationalen Symbolen – begegnet man in dieser Ausstellung mehrmals, ob auf Glaspokalfriesen oder Treppenhaus-Wandmalereien, in Pavillons und Panoramen, Klausen und Kirchen. Hoch hinaus wollte der utopisch denkende Kreative Karl Friedrich Schinkel mit seinen dem himmelstrebenden Wald abgeschauten Dom-Visionen nicht weniger als etwa mit dem gewölbten blauen Sternenhimmel-Theaterprospekt, in dessen Zentrum er W. A. Mozarts »Zauberflöten«-Königin der Nacht wie eine Mondsichel-Madonna stellte.

Schinkels klar gegliederten, geradezu kalt, jedoch nie steril wirkenden Gebäudefassaden, etwa der der Berliner Bauakademie, stehen zeichnerisch festgehaltende Reise-Eindrücke aus Tirol, Italien oder England gegenüber. Hier wird der coole Preuße romantisch wie Caspar David Friedrich. Bei Schinkel treffen Klassizismus und beginnender Historismus aufeinander, verbindet sich schwärmerische Naturzuwendung mit politischem Kalkül. Das als Einheit zu sehen, verbietet jegliche Erfahrung, aber die muss angesichts dieser Schau korrigiert werden. Beides ist simultan möglich. Wenn auch nur im Einzelfall. Und der heißt Schinkel.

Der Berliner Schinkel unterscheidet sich vom Münchner Klenze, überwölbte, ja überwucherte den Bayern, dessen Blick sich vielleicht stärker konzentrierte als dass er sich, wie der des Berliners, diversifizierte und auf verschiedene Sujets architektonisch-bildnerischen Schaffens ausgriff, die das Nützliche mit dem Schönen zu verbinden trachteten. Das macht das effektive Goutieren dieser Schau womöglich kompliziert. Man weiß nicht so recht, worauf dieses nur 60 Jahre lebende Berliner Multitalent eigentlich hinauswollte. Er erschuf ein riesiges Pan-Opticum. Das All-Sichtige. Er konnte nicht anders. Er hinterlässt ein vielschichtiges Erbe. Die Berliner Museumsinsel ist voller Schinkel. Dort ist er, so will es scheinen, fassbarer als in dieser ihn monumental feiernden Ausstellung. (Bis 12. Mai) Hans Gärtner