Prof. Dr. Thomas Glück über die neue Variante des Coronavirus: »Inkubationszeit scheint bei Omikron etwas kürzer«

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Prof. Dr. Thomas Glück, Chef-Virologe der Kreisklinik Trostberg.

Die Politik hat neue Corona-Regeln auf den Weg gebracht. Unter anderem soll es in einigen Fällen eine verkürzte Quarantänezeit geben. Doch macht das aus medizinischer Sicht auch Sinn? Darüber und über einige weitere Themen sprach das Traunsteiner Tagblatt mit Prof. Dr. Thomas Glück. Er ist Chefarzt der Kreisklinik Trostberg. Der Infektiologe gilt in der Region als Fachmann in Bezug auf das Coronavirus.


Die Quarantänezeit für Infizierte und Kontaktpersonen soll verkürzt werden. Kontaktpersonen werden von der Quarantäne sogar ausgenommen, wenn sie eine Auffrischungsimpfung haben, frisch doppelt geimpft sind oder frisch geimpft oder genesen sind. Macht das aus medizinischer Sicht Sinn? Oder ist das eine politische Entscheidung, die den Anreiz zum Impfen und Boostern erhöhen soll?

Die Inkubationszeit scheint bei Omikron mit zwei bis drei Tagen noch etwas kürzer zu sein als bei Delta (etwa vier Tage), da war sie schon kürzer als bei der ursprünglichen Variante aus Wuhan (rund sechs Tage). Die Infektiosität ist beiOmikron höher, schwere Fälle seltener, insbesondere scheint die Lunge, die primär für die schweren Fälle verantwortlich ist, weniger schwer betroffen zu sein. Die Erkenntnisse darüber sind aber noch spärlich – bei der Dynamik der Entwicklung kommt auch der bisher übliche und bewährte Erkenntnisgewinn in der Wissenschaft, nämlich die Diskussion der Ergebnisse von Untersuchungen durch Experten, an die Grenzen, denn das kostet Zeit.

Was weiß die Wissenschaft?

Die Booster-Impfung vermindert die Infektiosität eines Infizierten und die Übertragung für den »Geboosterten«. Darüber gibt es ziemlich sichere Erkenntnisse.

Die Kontaktbeschränkungen bleiben wie gehabt. Man könnte sagen: Geimpfte haben viele Freiheiten, Ungeimpfte eher wenige. Befürworten Sie diese Regel?

Die Entscheidungen über Quarantäne, Isolationsdauer, Kontaktbeschränkungen inklusive der Auflagen in der Gastronomie sind letztlich die Reaktion der Politik und Behörden auf die verfügbaren Erkenntnisse und die aktuelle Einschätzung der Lage. Ob das jeweils sinnvoll ist oder nicht, stellt sich immer erst hinterher heraus. Und was ich persönlich davon halte, ist völlig unbedeutend.

Aber?

Ich möchte an dieser Stelle um Verständnis werben, dass wir in einer so dynamischen Situation damit werden leben müssen, dass Vorgaben gemacht werden, die unsere Behörden auf der Basis der besten aktuellen Erkenntnis machen. Irgendjemand muss ja Entscheidungen treffen, ein völliger »Wildwuchs« wäre töricht. Und entscheiden tun halt mal die Behörden, die dazu auch ermächtigt sind, flankiert durch die Vorgaben der demokratisch gewählten Volksvertreter.

Sie sind Mediziner. Warum ist Ihnen das so wichtig zu betonen?

Letztlich geht es ja darum, dass möglichst wenige Menschen infiziert werden und daran zu Schaden kommen, dass damit die Kapazität des Gesundheitssystems nicht völlig überfahren wird und die wesentlichen Elemente unserer Gesellschaft weiter funktionieren, damit Chaos verhindert wird. Dass die Behörden da vielleicht mal eher vorsichtig reagieren, ist, glaube ich, verständlich. 

Nicht immer verständlich ist allerdings, dass Entscheidungen oft auch ziemlich schnell geändert oder revidiert werden.

Das liegt auch daran, dass sich sowohl die Infektionssituation, als auch die Erkenntnisse ungeheuer dynamisch entwickeln – wie wir dies in dieser Dimension und in der anhaltenden Zeitdauer zuvor nie gekannt haben (außer in Kriegszeiten). Dies verunsichert leider und verständlicherweise manchmal die Bevölkerung. 

Diese Unsicherheit ist tatsächlich in vielen Bereichen zu spüren...

Das liegt daran, weil wir es gewohnt sind, in einer Situation zu leben, in der alles gesichert, abgesichert, versichert ist, auf der Basis von profunden, mehrfach bestätigten Erkenntnissen – das alles haben wir aber halt nicht in der Covid-Pandemie. Es kommen in sehr rascher Folge Neuerungen, die man zuvor nicht auf dem Schirm hatte (siehe Omikron), und auf die man sich mit »der Gesellschaft« einstellen muss.

Stellen Sie Nebenwirkungen bei der Coronaimpfung tatsächlich vermehrt fest – auch im Vergleich zu anderen Impfungen? Oder sind das reine Behauptungen?

Impfnebenwirkungen gibt es, keine Frage, bei jeder Impfung. Wir haben aber sehr wenige Konsultationen aufgrund von Impfnebenwirkungen gehabt. Etliche davon sind auch nicht wirklich nachvollziehbar mit der Impfung zusammenhängend. Nicht alles, was in der Medizin koinzident ist, hat auch einen ursächlichen Zusammenhang – Medizin ist viel komplizierter als der Laie sich das oft denkt. So muss man das in der Realität sehen.

Wie und wo werden die Daten dafür erfasst?

Dafür gibt es eine Stelle beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI). Dort kann jeder Verdachtsfälle melden. Wenn also jemand den Verdacht hat, dass der Herzinfarkt, der drei Wochen nach der Impfung auftritt, ein Impfschaden ist, dann kann er das dort melden. Er könnte auch melden, dass – wenn ihm der Hammer am Tag nach der Impfung aus der Hand gefallen ist – dass das ein Impfschaden ist. Und mit der enormen Aufmerksamkeit, welche die Impfungen aktuell erfahren, wird natürlich auch viel gemeldet.

Ein tatsächlicher Zusammenhang wird also nicht überprüft?

Das PEI kann gar nicht alle diese Meldungen auf ursächlichen Zusammenhang prüfen (bis auf die Todesfälle). Wohlgemerkt, nochmals, nicht alles, was koinzident ist, ist in der Medizin auch ursächlich. Aber über diese Meldescheine ist zum Beispiel recht schnell aufgefallen, dass es bei Astra und Johnson & Johnson diese cerebralen Thrombosen gab – was sonst sehr selten vorkommt. Daher fiel es auch auf.

Nebenwirkungen sind also eher selten?

Genau. Sie sind vorhanden, aber sehr selten. Und vor allem viel seltener als die oft genannte Zahl von 1 auf 5000 bei schweren Nebenwirkungen. Nur vier Prozent der Todesfälle in zeitlicher Assoziation mit der Impfung sind nach den Überprüfungen des PEI auch als möglich bis wahrscheinlich bewertet worden – darin sind zum Beispiel die cerebralen Thrombosen enthalten. Wenn man diese Größenordnung mit dem 1:5000 ins Verhältnis setzt, dann kommt man auf die Größenordnung von schweren Nebenwirkungen von 1:100 000. Das könnte aus meiner Erfahrung heraus auch passen.

Sie sprechen sich klar für eine Impfung aus. Wieso?

Diese möglichen Nebenwirkungen stehen in keinem sinnvollen Verhältnis zu den »Nebenwirkungen« einer Covid-Erkrankung, mit Langzeitfolgen bei jedem Dritten (30 bis 40 Prozent laut zwei aktuellen Studien), zum Teil schwere Nebenwirkungen und einer Mortalität im Landkreis von mehr als einem Prozent!

Klara Reiter