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Prostatakrebs ist die häufigste bösartige Erkrankung bei Männern

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Prostatakrebs ist die häufigste bösartige Erkrankung bei Männern in Deutschland. In vielen Fällen führt eine Blutuntersuchung, der sogenannte PSA-Wert, die Ärzte erst auf die Spur dieses Tumors. In den letzten Jahren mehren sich allerdings kritische Stimmen, die den Nutzen des Bluttests in Frage stellen. Eine aktuelle Studie jedoch zeigt, dass dies möglicherweise vollkommen zu Unrecht geschah.


70 000 Männer erkranken jährlich in der Bundesrepublik Deutschland an Prostatakrebs. Bei vielen von Ihnen wird die Diagnose erst aufgrund eines erhöhten Blutwertes, dem PSA-Test, festgestellt. Das sogenannte Prostata-spezifische Antigen (abgekürzt: PSA) ist ein Eiweißmolekül, das bei jedem Mann in der Prostata gebildet wird, um die zunächst gelartige Samenflüssigkeit zu verflüssigen und damit die Befruchtungsfähigkeit der Samenzellen zu erhöhen. Durch eine bösartige Erkrankung kann es zu einem vermehrten Übertritt dieses Eiweißmoleküls in das Blut kommen und der PSA-Wert steigt an.

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Zwar versterben immer noch mehr als 12 000 Betroffene an dieser bösartigen Erkrankung der männlichen Vorsteherdrüse, aber nicht bei jedem muss der Krebs zwingend die Lebenserwartung gefährden. Im Gegenteil, argumentieren die Kritiker der Blutuntersuchung: Viele Betroffene würden nur unnötigen Behandlungen unterzogen und an deren Folgen leiden.

Weitreichende Konsequenzen

Bestärkt wurden die Gegner des PSA-Tests durch eine Studie der amerikanischen Gesundheits-Behörden, dem PLCO-Trial (J. Natl. Cancer Inst. 2012), in der vermeintlich gesunde Männer entweder mit oder ohne PSA-Test vorgesorgt wurden. Nach einer Beobachtungszeit von 13 Jahren fand sich kein Überlebensvorteil bei den Studienteilnehmern, bei denen der Prostatakrebs mit Hilfe eines PSA-Tests festgestellt worden war. Die Folge dieser Studie hatte weitreichende Konsequenzen: Die US-amerikanische United Preventive Services Task Force, deren Aufgabe es ist Vorsorgeuntersuchungen zu bewerten, sprach sich gegen einen flächendeckenden Einsatz des PSA-Wertes in der Vorsorge aus.

Doch ist diese Empfehlung nachvollziehbar? Nein, sagt die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU). »Männer können ihr Risiko, an einem Prostatakrebs zu versterben, deutlich senken, wenn Sie frühzeitig einen PSA-Test im Rahmen der Vorsorge durchführen lassen«. Die DGU begründet dies anhand aktueller Ergebnisse einer großen europäischen Untersuchung (ERSPC-Programm) an mehr als 160 000 Männern (Lancet Dec. 2014). Hier konnte gezeigt werden, dass in einem Nachbeobachtungszeitraum von 13 Jahren, durch eine PSA-gestützte Vorsorge das Sterblichkeitsrisiko am Prostatakrebs um ca. 21 Prozent sinkt.

Ungeachtet dessen bewertet der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland den Einsatz des PSA-Wertes weiterhin kritisch. In einer aktuellen Pressekonferenz Anfang Juli in Berlin, rügte er die Ärzteschaft erneut dafür, den Bluttest als individuelle Gesundheitsleistung (IGEL) anzubieten. Unter www.igel-monitor.de wird der Test, auch unter Bezugnahme auf die amerikanische Studie, als nicht zielführend bewertet.

Mit diesem Standpunkt zur PSA-gestützten Vorsorge stehen die Krankenkassen allerdings nun selbst kritisch im wissenschaftlichen Fokus. Hintergrund ist eine aktuelle Nachuntersuchung der amerikanischen PLCO-Studie, die auf dem weltgrößten Urologenkongress im Mai diesen Jahres in San Diego vorgestellt und sofort in einer hochrenommierten Fachzeitschrift, publiziert wurde (N Eng J Med. 2016, 374: 1795-1796). Schon länger vermutete man nämlich in Urologenkreisen methodische Unzulänglichkeiten bei der Durchführung der PLCO-Studie.

»Wissenschaftlicher Skandal«

In einer Nachbetrachtung stellte sich nun heraus, dass mehr als 90 Prozent der Patienten, die eigentlich keine PSA-Untersuchungen erhalten sollten, noch während der Studie zum PSA-Test gingen. Insgesamt erhielten sogar mehr Patienten in der Kontrollgruppe, also diejenigen, die nicht mittels des Blutwertes vorgesorgt werden sollten, PSA-Bestimmungen, als in der eigentlichen Überprüfungsgruppe. Für Prof. Markus Graefen, Chefarzt der renommierten Martini-Klinik aus Hamburg ist das »ein wissenschaftlicher Skandal«. »Die Untersuchung müsse aufgrund dieser gravierenden fachlichen Mängel als absolut wertlos bezeichnet werden«, so der Hamburger Prostatakrebsspezialist.

In einer aktuellen Pressemitteilung spricht der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie Prof. Dr. Kurt Miller Klartext: »Die Datenlage zum PSA-Test hat sich verändert, nachdem sich mit der US-amerikanischen PLCO-Studie eine wichtige Studie, die gegen den Nutzen der PSA-basierten Früherkennung sprach, kürzlich als fehlerhaft herausgestellt hat«. Miller fordert die Krankenkassen auf, dies in ihrem aktuellen Votum zu berücksichtigen.

Nachdem in den USA bereits erste wissenschaftliche Untersuchungen, aufgrund von rückläufigen PSA-Vorsorgen, eine Zunahme von aggressiven Tumoren zeigen, bleibt nun abzuwarten, wie die amerikanischen und auch die bundesdeutschen Kostenträger mit der neuen Datenlage umgehen.

Die urologischen Fachgesellschaften in Europa jedenfalls haben bereits in den letzten Jahren ihre Konzeption in der Diagnostik und Behandlung des Prostatakrebses neu überdacht. So gibt es derzeit die Empfehlung anhand des PSA-Wertes im 45. Lebensjahr das individuelle Risiko des Mannes einzuschätzen und danach die weitere Vorsorge auszurichten.

Neue Konzepte mit mehr Beobachtung statt OP

Auch wird heutzutage nicht mehr jedem Mann unbedingt ein operativer Eingriff oder eine Strahlentherapie empfohlen. Für Patienten mit wenig aggressiven Tumoren gibt es mittlerweile Konzepte, die Erkrankung lediglich zu beobachten und nur im Falle einer Verschlechterung einzugreifen, erläutert Dr. Josef Schuhbeck, Chefarzt der Abteilung für Urologie am Klinikum Traunstein