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Publikumsliebling mit Charme und Charisma

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Pianistin und Dirigentin Carrie-Ann Matheson machte alle Tempoeigenheiten und Späßchen von Rolando Villazón mit. (Foto: Salzburger Festspiele / Marco Borrelli)

Rolando Villazón weiß sein Publikum zu nehmen. Sobald er die Bühne betritt, füllt er sie mit prallem Leben, persönlicher Ausstrahlung und Charisma – auch im Salzburger Haus für Mozart.


Er singt für seine Zuhörer und scheint mit jedem Einzelnen von ihnen zu kommunizieren. Er singt mit vitaler Freude sowie energiegeladenem Einsatz und macht aus dem Resultat ein eigenes musikalisches Universum, das er wie ein Geschenk an seine Zuhörer weiterreicht. Er singt nicht nur mit der Stimme, sondern auch seine Mimik und seine Körpersprache artikulieren jedes gesungene Wort intensiv mit. Sein unverwechselbares Timbre übt nach wie vor eine gewisse Magie aus, die ihn zum absoluten Liebling seiner großen Anhängerschaft macht.

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Es ist bewundernswert, wie er seine Stimme mit seiner individuellen Technik im Griff hat und geschickt durch gewisse Defizite (er hatte ansagen lassen, dass er trotz Erkältung singen werde) durchlaviert, die Stimme in der Höhe und bei dramatischen Passagen zurücknimmt und mit den diversen Pianissimi geradezu kokettiert. Das macht er gekonnt zum künstlerischen Ausdruck und erzielt damit große Effekte, die seinem Vortrag schillernde Farben geben. Er brilliert mit langen Atemphrasen und setzt noch einen kleinen Atemmarathon hinzu, wenn er so manchen Schlusston in Überlänge hält. Das heizt dann so recht den Applaus an. Obwohl der Tenor seinen Programmablauf in fünf kleine Liedgruppen eingeteilt hat, wird hier nach jedem einzelnen Lied applaudiert. Und er nimmt es mit unverhohlener Freude.

Mit großem Ernst gestaltet er die altitalienischen Arien, die er sich stimmlich und stilistisch hervorragend zu eigen macht und mit dem innig gesungenem »Caro mio ben« einen ersten Hit landet. Die Belcanto-Kanzonen von Bellini und Rossini sowie die Verdigesänge gelten hierzulande nicht als Lieder im Sinne des deutschen Kunstliedes, sind aber geschätzte Gesangsmelodien der italienischen Musikliteratur. Sie wurden als Salonstücke komponiert, fordern vom Sänger aber Geläufigkeit und belcantistische Gesangslinien.

Villazón macht aus jedem Lied ein in sich geschlossenes dramatisches oder erheiterndes Szenario. Zu einer kleinen Komiknummer formt er Rossinis »Mi lagneró tacendo«, wenn er »schweigend« bittere Liebesklage führt. Zauberhaft schildert er »La gita in gondola«, die Gondelfahrt, und ermuntert den Gondoliere zum Rudern »Voga, voga marinar«, was er mit sanft schaukelnder Bewegung unterstützt. Mit zungenbrecherischer Bravour lässt er Rossinis »La danza« zum brillanten und witzigen Tänzchen werden.

Ernsthafter geht es bei den Verdi-Gesängen zu, die teilweise mit Moll-Wendungen Trauer oder schmerzlichen Abschied ausdrücken oder sich im Gebet an die »Schmerzensreiche« wenden. Auch verlangt so manche Passage opernhaft dramatischen Stimmeinsatz und lässt das eine oder andere spätere Opernthema anklingen. Verdi hat in seinen kompositorischen Anfängen Romanzen auf Texte von damals bekannten Dichtern geschrieben, mit denen er einflussreiche gesellschaftliche Kreise auf sich aufmerksam gemacht haben soll. Heute stehen sie natürlich im Schatten seines Opernschaffens, sind aber in Italien bekannter Teil seines Gesamtwerkes und oft beliebte sängerische Aufgaben.

Mit dem abschließenden Trinklied »Mescetemi il vino« kehrt die überschäumende Stimmung zurück. Villazón besorgt sich schnell aus der Kulisse ein gefülltes Glas und prostet den Zuhörern nicht nur musikalisch zu. Dem Begeisterungstaumel schenkt er noch zwei Zugaben: die besonders innig gesungene, altitalienische Arie »Amarilli« von Giulio Caccini und den populären neapolitanischen Tenorschlager Funicolí-Funicolá, der die Seilbahn zum Vesuv besingt. Da wird nun fleißig mitgeklatscht und mitgesungen und das Auditorium ist glücklich.

In den Applaus bezog Villazón zu Recht seine Stütze am Klavier mit ein. Die kanadische Pianistin und Dirigentin Carrie-Ann Matheson ging voll auf ihn ein, machte alle Tempoeigenheiten und Späßchen mit und brillierte mit großer Geläufigkeit. Elisabeth Aumiller