weather-image
17°
Publikumserfolg für die Verdi-Oper »Die Sizilianische Vesper« beim Festival Immling

Rache vereitelt Versöhnungsversuch

»Make Opera not War« ist das diesjährige Motto der Festspiele Immling. Es soll ein Aufruf sein, »die Künste neu zu durchdenken als das perfekte Mittel, die Menschen dazu zu bewegen, nach einer besseren Welt zu suchen«, wie es der italienische Regisseur Stefano Simone Pintor ausdrückt und zur verborgenen Botschaft seiner Inszenierung der »Sizilianischen Vesper« deklariert.

Arrigo (Angelo Fiore, links) steht zwischen der Bindung zu seinem Vater Monforte (Stefano Meo) und der Liebe zu Herzogin Elena (Emanuela Torresi). (Foto: Festival Immling, Verena von Kerssenbrock)

Dass dieses monumentale Verdi-Opus zu den seltener aufgeführten Opern zählt, liegt sicher nicht an der Musik, die voller Schönheit ist und ein starkes Verdi-Profil zeigt, sondern eher an der arg verworrenen Geschichte und nicht zuletzt an den Herausforderungen der Gesangspartien.

Anzeige

Die »Sizilianische Vesper« orientiert sich an einem historischen Aufstand von 1282. Es geht in Nachkriegswirren um den Machtkonflikt zwischen den französischen Besatzern Siziliens und den zum Volksaufstand getriebenen, entrechteten Sizilianern. Im Zentrum steht die Liebe zwischen der Herzogin Elena und dem Maler Arrigo. Elena macht Arrigo zum Anführer der Rache am französischen Gouverneur Guido di Monforte, der ihren Bruder Federigo, den früheren Statthalter Palermos, hinrichten ließ.

Als Arrigo erkennen muss, dass Monforte sein Vater ist, gerät er in fürchterlichen Zwiespalt zwischen den Racheplänen und dem Bekenntnis zum Vater, das zuletzt den Sieg davon trägt. Monforte verzeiht allen und richtet die Hochzeit zur Vesper aus. Aber Procida, der Anführer der sizilianischen Freiheitsbewegung, ist in seinem Hass von unversöhnlichen Rachegelüsten getrieben und als die Hochzeitsglocke läutet, starten die Sizilianer zum Angriff und metzeln die Franzosen nieder.

Die Bühne ist beherrscht von mit Tüchern behängten Gerüsten (Bühnenbild Nikolaus Hipp) zur Restaurierung der im Hintergrund aufscheinenden Reste des zerstörten Palastes der früheren Machthaber. Es ist die Idee des Regisseurs, damit die Schichtungen von Zerstörung und Aufbau »in einer fortlaufenden Kette von Aufständen und Umstürzen« zu zeigen. Die französische Trikolore wird im Wechsel am Gerüst auf- und abgehängt. Die künstlerischen Arbeiten Arrigos werden mit der Projektion (Videodesign Franceco Mori) real existierender Bilder von Francesco Hayez »I Vespri siciliani« und »Il Bacio« gezeigt, die in Arrigos Zerrissenheit auch Veränderungen durchmachen.

Drastisch sind die Seile aus dem Schnürboden, an denen Elena und Procida aufgehängt werden sollen, bevor es Monforte im letzten Moment verhindert. Auch anschauliche, mit »blutspritzenden« Messern ausgeführte »Köpfungen« einer Reihe von Aufwieglern baut Pintor ins Geschehen ein. Seine Personenführung zeigt sich in Einzelheiten als profilierte Typisierung. Trotzdem vermittelt sich die Handlungsstruktur nicht unmittelbar als Gesamtkomplex. Pintor baut jedoch Spannung auf und hat in den jungen Solisten und dem Immlinger Festival Chor darstellerisch formbares »Material«.

Die Münchner Symphoniker und ihre Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock sind ein gutes Team. Vor allem nach der Pause entwickelt sich der Orchesterklang differenziert und lässt Verdis Tonsprache leuchten zwischen empfindsamer Tonmalerei und dramatisch auftrumpfender Emphase. Auf der vokalen Seite gibt es Unterschiedliches. Der Lorbeer des Abends gebührt Stefano Meo in der Rolle des Monforte. Er ist nicht nur in seinem Versöhnungswillen der Sympathieträger der Handlung, sondern auch in seinem gesanglichen Profil. Sein gut geführter Bariton hat Biss und Durchschlagskraft, zeigt Emotion, differenzierte Gestaltung und intensiven Einsatz in der Identifikation mit der Rolle.

Angelo Fiore ist mit hellem Tenor der Arrigo, den Verdi ganz schön herausfordert in der sich hochschraubenden Höhengratwanderung, die er aber sympathisch meistert. Die Herzogin Elena der Emanuela Torresi macht optisch gute Figur. Gesanglich kann sie hauptsächlich in der Höhe punkten, während die Mittelage und Tiefe, auch bei aller Rücksichtnahme der Dirigentin, kaum über das Orchester trägt. Sie singt sozusagen mit zwei Stimmen, aber eine »Verdi-Stimme« ist keine von beiden, auch wenn sich im zweiten Teil die vokale Kraft besser entfaltet. Alexander Teliga gibt mit rau polterndem Bass den Bösewicht Procida.

In kleinen Partien lassen gute junge Stimmbegabungen aufhorchen: Hyunjeong Yu als Ninetta, Santiago Sanchez als Danieli und Svyatoslav Besedin als Sire di Bethune. Beim Publikum kam die Aufführung gut an und nachher ging im festlichen Restaurantzelt das Singen der Jugend noch weiter bis weit über Mitternacht hinaus. So ist das Festival Immling nicht nur seines besonderen Ambientes wegen Attraktion und Publikumsmagnet, sondern auch in seiner Eigenschaft, junge Gesangstalente zu fördern und daraus so manche Entdeckungen zu schöpfen. Elisabeth Aumiller