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Realitätsnaher » Flugzeugabsturz« in Kiesgrube

Ainring/Hammerau - Flugzeugteile, abgerissene blutige Arme und Beine, Koffer, Handtaschen, Verletzte und Tote liegen kreuz und quer herum. Menschen schreien durcheinander. Am Wrack und an anderen Stellen brennt und raucht es. Das Horrorszenario eines Flugzeugabsturzes in einer Kiesgrube bei Hammerau war Ausgangspunkt für eine groß angelegte Übung des Fortbildungsinstituts der Bayerischen Polizei in Ainring.

»Uns ist wichtig, dass das Fortbildungsinstitut und die Organisationen vor Ort miteinander üben«, erklärt Gesamtübungsleiter Stephan Seiler. Für die aufwendigen Arbeiten wie Auf- und Abbau bekam die Polizeischule Unterstützung durch einen 25-köpfigen Zug der Bereitschaftspolizei aus Nürnberg. Neben etwa 120 Polizeivertretern waren die Feuerwehr Ainring mit 22 Leuten und vier Fahrzeugen, die Bundeswehr-Feuerwehr mit sechs Mann, das Bayerische Rote Kreuz mit vier Wagen und das THW Berchtesgadener Land aktiv dabei.

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Als Beobachter waren Vertreter der Landratsämter Traunstein, Mühldorf und Erding sowie des Österreichischen Roten Kreuzes und der Salzburger Polizei gekommen.

Seit etwa zehn Jahren veranstaltet das Fortbildungsinstitut jährlich diese realitätsnah angelegte Übung, deren Entwicklung ein Jahr gedauert hatte. Jährlich sind vier Wochen Vorlauf nötig. Alles ist möglichst authentisch: So wurde eigens eine Fluggesellschaft gegründet, und es gibt originalgetreue Tickets, Bordkarten und Passagierlisten.

Die Übungsannahme: Eine zweimotorige Turbo-Prop-Maschine eines tatsächlich recht unfallanfälligen Flugzeugtyps mit 48 Passagieren stürzt um 8.00 Uhr früh auf dem Flug von München nach Salzburg in der Kiesgrube bei Hammerau ab. Dort befinden sich auch spielende Kinder und Monteure vom nahegelegenen Stahlwerk. 38 Personen, dargestellt durch Puppen, sind sofort tot. Die 14 Verletzten werden auf verschiedene Krankenhäuser verteilt; davon sterben weitere zehn im Lauf des Tages, sodass es 48 Todesopfer gibt.

Als Erste kam eine Joggerin an den Unglücksort. »Man kann sich da schon reinversetzen«, verriet deren Darstellerin Martina Schäfer-Masur später. Sonst ist sie Seminarleiterin für Wirtschaftskriminalität an der Polizeischule. »Die Feuerwehrler haben das schon ernst genommen und wollten mich gleich sichern und versorgen«, erzählte sie.

Die Polizeiinspektion Freilassing kümmerte sich mit sechs Mann unter anderem um die weiträumige Absperrung des Geländes und die Verkehrsführung und übergab die Leitung aufgrund der Dimension der Katastrophe an das Polizeipräsidium. Während Originalstimmen aus dem Lautsprecher vom Absturz bei einer Flugschau in Ramstein Stress erzeugten, bekämpften die Feuerwehrleute, zum Teil mit Atemschutz, die vorher von ihnen gelegten Feuer. Parallel dazu brachten sie die Verletzten in Sicherheit und zu den Sanitätern.

Danach mussten sie nach dem Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder suchen und das Gefährdungspotenzial durch Gefahrstoffe im Flugzeugwrack messen. Dazwischen wuselten sensationsgierige »falsche« Journalisten herum. »Erst wenn die Feuerwehr den Schadensort freigibt, beginnen die Ermittlungen der Polizei«, erklärte der Ainringer Kommandant Martin Waldhutter, der wie seine Kollegen eigens Urlaub nehmen musste. »Eine solche Übung ist für uns Gold wert«, betont er. Im Realfall seien bestimmt etwa 80 Feuerwehrleute da.

Das Fortbildungsinstitut gründete für die Übung die Sonderkommission »KPI Ainring« mit etwa 40 Beamten. Ein Teil sei auf der Dienststelle in der Vermissten- und Auskunftsstelle oder helfe bei der Identifizierung der »Leichen«, so Ludwig Heinz, kriminalpolizeilicher Übungsleiter. Auf dem Gelände seien 30 Mann im Einsatz, verteilt auf eine Bergungsgruppe, die die Leichenteile birgt, nach Ausweisdokumenten sucht und diese dokumentiert, eine Ermittlungsgruppe, die mit der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung kooperiert, und eine »Streugutgruppe«. Letztere sichert das »Kleinzeug« wie die herumliegenden Koffer. vm