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Rechtsruck in Berchtesgaden?

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Hier geht es nicht weiter. Die Straßenumfrage zum Thema »Rechtsruck in der Bevölkerung« scheiterte. (Foto: Tessnow)

Berchtesgaden – Die Flüchtlingsproblematik hat nicht nur bei uns, sondern auch auf europäischer Ebene die Politbalance ins Wanken gebracht. Viele Bürger sind unzufrieden oder haben einfach Angst vor der zukünftigen Entwicklung. Es fliegen die Milliarden von der deutschen Regierung nur so aus dem Fenster. Der österreichische Rechtspopulist Norbert Hofer hat in dieser Woche knapp die Bundespräsidentschaftswahlen verloren. Sieger Alexander Van der Bellen wurde darauf im Internet bedroht. Der radikale Untergrund rief zur Gründung von Banden auf, um sein Haus anzuzünden. Wie konnte es zu solcher Eskalation bei unserem demokratischen Nachbarn kommen? Ist Österreich ein Einzelfall? Entwickelt sich Deutschland ähnlich? Ist die Stimmung in der Berchtesgadener Bevölkerung ebenso in der Tendenz nach rechts gekippt? Genau das wollte der »Berchtesgadener Anzeiger« wissen und startete eine Meinungsumfrage. Die aber erwies sich schwieriger als gedacht und musste abgebrochen werden.


»Ach so. Und noch was«, sagte eine befragte Person mit dem Verweis: »Das schreibst jetzt aber nicht.« Und begann mit seiner konkreteren Meinungsäußerung, die aber nicht im »Berchtesgadener Anzeiger« stehen sollte.

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Es war ein kompliziertes Unterfangen, für dieses pikante Politikthema Interviewstimmen zu finden. Die Befragten aus allen politischen Lagern hatten zwar eine Meinung, äußerten sich recht umfangreich, wollten aber nicht in der Zeitung zitiert und namentlich erwähnt werden. Und schon gar nicht mit Foto. Ganze zwei Personen standen am Ende der langen Umfrage uneingeschränkt zu ihrer öffentlichen Aussage. Auch Folgendes wurde oft gemeint: »Wenn man heute etwas gegen Ausländer sagt, ist man gleich ein Nazi.«

Ein Tabuthema? »Ich muss meine politische Einstellung ja nicht von jedem Berg schreien«, hieß es auch einmal. »Das geht dann ja auch ins Internet und so. Und das will ich dann lieber nicht.« Da wurde es vielen doch unerwartet zu heiß. Das Thema schien für alle eine Sensibilitätsherausforderung zu sein. Enttäuschend das Umfrageresultat. Vielen brannte es zwar gewaltig auf den Nägeln, aber keiner wollte an die Öffentlichkeit. Der Reporter respektierte die Brisanz und brach die Umfrageaktion ab. Grund für ihn: Die wenigen gesammelten Meinungen hätten keinen repräsentativen Querschnitt ergeben. Danach käme es vermutlich noch zu ungewollten Polarisierungsvorwürfen.

Interessant aber war die Nachfrage, warum eigentlich die Antworten nicht veröffentlicht werden sollten. Das wollte der Reporter schon noch wissen und hakte nach. Er erhielt oft Antworten wie: »Na, dann muss ich mir im Nachhinein blöde Sprüche anhören«, oder: »ich werde dann als Rechtsradikaler beschimpft. Mein Ruf steht auf dem Spiel.« Rumms. Das saß. Jörg Tessnow