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Rosa Wembacher (rechts), die »Mutter« des Unternehmens, steht zusammen mit ihrer Familie und dem kleinen Hans, der auf dem Arm seines Vaters Kaspar Wembacher sitzt, vor einem der Reisebusse. Die Aufnahme entstand Ende der 1950er Jahre. (Fotos: Privat)

Reisebüro Wembacher ist nach sieben Jahrzehnten Geschichte

Wenn etwas zu Ende geht, kann auch immer etwas Neues entstehen. Hans Wembacher aus Waging ist einer, auf den das zutrifft. Bekannt ist Wembacher in der Region wie ein bunter Hund. Seit Jahrzehnten begleitet er Reisegruppen durch halb Europa und den Nahen Osten, viele kennen ihn als das Gesicht der Leserreisen des Traunsteiner Tagblatts. Hans Wembacher war immer stolz darauf, ein »Türöffner« zu sein. Über die vielen Jahre hat er sich ein gutes Netzwerk an Kontakten – vor allem in Rom – aufgebaut, so dass die Reisegruppen auch mal hinter die eine oder andere Kulisse blicken durften, wo man nicht automatisch Zutritt bekommt. Mit Hans Wembacher lernten viele Chiemgauer Europa kennen. Doch Corona setzte im Frühjahr 2020 auch dem ungehinderten Reisen ein jähes Ende. Und nun auch dem Reisebüro Wembacher, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1936 zurückreichen.


Damals kaufte Wembachers Mutter, Rosa Leitner, zusammen mit ihrem Mann Hans Resch das Anwesen an der Salzburger Straße 15 in Waging. Dazu gehörten eine Tankstelle und ein Taxibetrieb. Ein eigenes Automobil hatten die Leute zu dieser Zeit in der Regel nicht, es galt als Luxusgut. »Damals gab es in Waging genau zwei weitere Autos«, berichtet Wembacher – potenzielle Kunden für das Fuhrunternehmen damit genug. Auch ein Lastwagen wurde angeschafft. Dieser kam beim Bau der Autobahn – der heutigen A 8 – zum Einsatz. 1945 fiel Hans Resch während des Zweiten Weltkriegs. Drei Jahre später heiratete die Witwe Kaspar Wembacher, kurz darauf wurde der Betrieb um einen Reisebus erweitert. Nach den Schrecken des Weltkriegs erwachte die Lust der Chiemgauer am Reisen.

»Zunächst waren das vor allem Tagesausflüge nach München, Städtereisen nach Wien und Venedig oder 'religiöse' Reisen«, sagt Wembacher. Früher habe es geheißen, jede Bauernfamilie fuhr nach der Hofübergabe nach Assisi, Rom und Lourdes – am besten an Bord eines Wembacher-Reisebusses. Mit dabei war seit seiner Kindheit auch immer Hans Wembacher. »Mit fünf Jahren war ich zum ersten Mal bei einer Papstaudienz in Rom«, erinnert er sich. Die Liebe zur »Ewigen Stadt« habe er von Anfang an aufgesogen und das »Türöffner-Gen« vom Vater geerbt. Denn sein Vater Kaspar Wembacher war es, der die guten Kontakte nach bis in den Vatikan hatte. »Mein Vater, der während des Kriegs auch in Rom stationiert war, kannte Pater Joseph Spellucci, den Chef der deutschen Abteilung im Vatikan. Diesen Kontakt nutzte er gerne, wenn er mit Reisegruppen nach Rom fuhr.« 1977 übernahmen schließlich Lydia und Hans Wembacher das Unternehmen, das inzwischen vier Reisebusse hatte und erweiterten den Betrieb um ein Reisebüro. Vor 20 Jahren konzentrierte man sich nur noch auf das Reisebüro und gab die Busflotte auf.

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Hans Wembacher im Jahr 2018 während einer Romreise auf dem Petersplatz.

Gruppenreisen blieben bis zuletzt das Kerngeschäft von Wembacher Reisen. Und doch habe sich im Lauf der Jahrzehnte vieles verändert. »Früher war viel mehr Programm, alles durchgetaktet, heute geht man es gemütlicher an, das Bedürfnis, sich von der Gruppe auszuklinken und eigenständig etwas zu erkunden, hat stark zugenommen«, sagt Wembacher. Für den erfahrenen Reiseleiter kein Problem, auch diesen Bedürfnissen nach Individualität kommt er gerne bei Bedarf mit Tipps entgegen.

»Reisen ist für mich immer Spaß, Beruf und Hobby zugleich«, sagt Wembacher. Paris und Rom haben es ihm besonders angetan, aber sein »Reiseführerherz« gehört der »interessantesten Stadt der Welt«, wie er Rom bezeichnet. »Keine Stadt hat eine größere Auswahl an Geschichte von der Antike über die Renaissance bis heute, und im historischen Zentrum wurde nichts durch Krieg zerstört, es ist eine einzigartige Verbindung der verschiedenen historischen Baustile«, kommt Wembacher in Schwärmen. Einen Job im Büro hätte er, der zu Spitzenzeiten 200 bis 230 Tage im Jahr auf Reisen war, nie gewollt. Vor 15 Jahren gingen dann zum ersten Mal Leser des Traunsteiner Tagblatts mit Hans Wembacher auf Reisen. Eine Erfolgsgeschichte, wussten die Teilnehmer doch, was sie am »Wembacher« hatten.

Und dann kam Corona. »Dass sich was ändert, haben wir im Februar 2020 bei einer Dubai-Abudabi-Reise gemerkt, plötzlich standen dort am Flughafen überall Scanner, die die Körpertemperatur gemessen haben«, erinnert sich Wembacher. Es dauerte nur noch wenige Wochen, dann wurden alle Termine gecancelt. Mit Corona ging die Reisebranche in die Knie, Flugzeuge blieben am Boden. Plötzlich hieß es für Hans Wembacher, seine Frau Lydia und das Team nicht mehr Reiseträume erfüllen, sondern festsitzende Reisende aus ihren Albtraumurlauben zurückzuholen. »Wir mussten unsere Kunden aus den verschiedenesten Teilen der Welt zurückholen«, erinnert sich Wembacher. Wirtschaftlich waren die Rückholungen, Stornierungen und die damit verbundnen Rückzahlungen sowie der komplette Einbruch der Neubuchungen für die gesamte Reisebranche ein Desaster. »Länder verhängten Einreiseverbote, als Einreisender oder Rückkehrer musste man in Quarantäne, da hatte niemand mehr Lust, Urlaub zu buchen«, sagt Wembacher. Wirklich erholt hat sich die Branche seither noch nicht. Es wurde nur noch 18 Prozent des Vorkrisenumsatzes gebucht, das war nicht mehr wirtschaftlich. »Da auch schon vor der Pandemie aus Altersgründen eine Geschäftsübergabe im Raum stand, haben wir uns entschlossen, im Dezember 2021 ganz aufzuhören«, sagt Wembacher.

Wobei Ruhestand und Hans Wembacher zwei Dinge sind, die nicht recht zusammenpassen. Denn natürlich macht er weiter als Reiseführer der beliebten Leserreisen. Zusammen mit dem Fridolfinger Reisebüro Marx geht es im März nach Andalusien und im Laufe des Frühjahrs nach Sizilien, Neapel und natürlich nach Rom. Denn vom Reisen, da bekommt Hans Wembacher nie genug.

vew